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Audio-Stream startenBrüllende und zum Teil gewaltbereite Fußballfans auf der einen Seite, Polizeibeamte in Schutzkleidung auf der anderen Seite, die Schlimmstes verhindern: Nach der Sommerpause wird es solche Szenen wieder in schöner Regelmäßigkeit an den Wochenenden geben - vor allem in den unteren Ligen, deren Spielbetrieb schon begonnen hat. In Braunschweig traf die dortige Eintracht am vergangenen Sonnabend in der Dritten Liga auf Dynamo Dresden - aus Sicht der Polizei ein sogenanntes Problemspiel.
Eine Reportage von Stefan Schölermann
Sie kamen nicht als Freunde: "Lügenpresse, auf die Fresse", brüllen rund 300 Fans des Drittligisten Dynamo Dresden wie aus einer Kehle, als sie gegenüber auf dem Bahnsteig das Mikrofon des NDR Info Reporters erblicken. Und es ist offenbar nur dem wütenden Gebell der Polizeihunde zu verdanken, dass mancher dieser sogenannten Fans seinen drohenden Worten nicht auch Taten folgen lässt. Schauplatz ist der Hauptbahnhof Braunschweig am Sonnabendmorgen. Soeben ist der Regionalexpress aus Magdeburg eingetroffen. An Bord sind die rund 300 Dynamo-Schlachtenbummler. Mit ihren Verbalattacken auf den Reporter machen diese Fußballfreunde gleich zu Beginn des Tages deutlich, warum die Braunschweiger Polizei diese Partie als sogenanntes "Problemspiel" einstuft, wie Polizeisprecher Joachim Grande sagt.
Die Fans aus Dresden sind ebenso berühmt wie berüchtigt - aber auch einige der Braunschweiger Gastgeber sind "nicht ohne", heißt es bei der Polizei. Vorsorglich hat man deshalb die Zahl der Einsatzkräfte gegenüber "normalen" Spielen auf rund 600 Beamte verdoppelt. Manche von ihnen sind in den frühen Morgenstunden aus dem mehr als 200 Kilometer entfernten Oldenburg angereist, um die Kollegen aus Braunschweig zu unterstützen. Diesen massiven Polizeieinsatz bekommen die Dresdener schon bei der Anreise per Bahn zu spüren. Der Zug wird von speziell ausgebildeten Polizeibeamten in Schutzkleidung begleitet. Und dennoch seien solche Zugfahrten für die Beamten, aber auch für zufällig mitreisende Bahnpassagiere häufig ein Wagnis, sagt Axel Treczok, der Vizechef der Bundespolizeiinspektion Hannover: "Alkoholbedingt sind viele dieser Fans unberechenbar. Sie nehmen auch keinerlei Rücksicht auf alte Menschen, Kinder oder Behinderte. Das ist für Reisende äußerst unangenehm und teilweise auch nicht gefahrenfrei."
Vor allem eines ist den Beamten wichtig: Um jeden Preis wollen sie verhindern, dass die verfeindeten Fangruppen aufeinander treffen. Die per Bahn angereisten Dresdener müssen deshalb am Bahnhof in Busse umsteigen und werden unter Polizeischutz mit Blaulicht auf abseitigen Wegen zum Stadion gefahren. Für die Fahrer der städtischen Busse ist das kein leichtes Unterfangen, sagt Wilfried Koch: "Wir haben die Nothämmer und die Entwerter abgebaut, damit die Fans damit keinen Unsinn machen. Und trotzdem geht oft was zu Bruch." Das Erste, was die Dresdener bei der Ankunft am Stadion zu sehen bekommen, ist eine dicht Polizeikette. Keine Chance also für Randale. Für die verfeindeten Fans aus Braunschweig sind Spezialisten der Kriminalpolizei zuständig, sogenannte szenekundige Beamte wie Oberkommissar Frank Katzer: "Wir gehen davon aus, dass wir es im Braunschweiger Fanblock mit rund 300 Problemfällen zu tun haben", sagt er.
Manch einer dieser "Problemfans" hat in den Tagen vor dem Spiel Besuch von Katzer und seinen Kollegen bekommen: "Gefährderansprache" nennt man das im Polizeijargon. Bei solchen Ansprachen werden "Gefährder" auf die "Gültigkeit der Rechtsordnung" hingewiesen. Laienhaft ausgedrückt bedeutet das, dass die Probanden wissen sollen, dass die Polizei ein Auge auf sie hat und im Konfliktfall durchgreifen wird. Doch das hilft nicht immer. Auch in Braunschweig gebe es Fans, denen es weniger ums Kicken als ums Prügeln gehe, sagt Katzer. Die schlimmsten von ihnen fallen unter die berüchtigte "Kategorie C", erklärt der Beamte: "Das ist ein Personenkreis, der die Gewalt sucht beim Fußball. Entweder vor und nach dem Spiel oder direkt in der Fußballarena." Der szenekundige Beamte warnt aber vor Vorurteilen: "Die Szene der gewalttätigen Fans ist ein Spiegel der Gesellschaft. Wir haben da normale Arbeiter und Hartz-IV-Empfänger, aber auch Bankangestellte sind dabei." Sorgenvoll stimmt den Beamten, dass sich immer öfter besonders junge Fußballfans solche Rowdies zum Vorbild nehmen und ihnen mit Taten nacheifern: "Das ist ein Problem."
Unterstützt wird Katzer beim Spiel Eintracht gegen Dynamo von szenekundigen Beamten aus Sachsen. Sie behalten die Fans aus Dresden fest im Blick und reisen mit zu jedem Auswärtsspiel. Im Stadion von Eintracht Braunschweig sind die Chancen gering, dass die Fangruppen aneinander geraten. Die Fanblöcke sind baulich abgeschirmt und weit voneinander entfernt. Rund 250 bullige Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes wachen darüber, dass jeder Versuch einer "Grenzüberschreitung" im Keim erstickt wird. Zwar ist für die Sicherheit im Stadion vor allem der gastgebende Verein selber zuständig, doch die Polizei sieht trotzdem alles - und zwar im Wortsinne.
Hoch oben auf der Tribüne befindet sich in einer Glaskanzel die Einsatzleitzentrale der Polizei. An vielen Ecken im und um das Stadion herum postierte Videokameras verschaffen den Polizisten einen Überblick per Bildschirm. "Wenn es nötig ist, können wir innerhalb weniger Minuten unsere Kräfte an die Brennpunkte dirigieren", sagt der Chef des heutigen Einsatzes, Kriminaloberrat Gerhard Radeck. Bis auf einen Feuerwerkskörper, der im Dresdener Fanblock gezündet wird, bleibt heute alles ruhig. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass die Fans wissen, dass die Beamten jederzeit massiv eingreifen können. Radecks Sicherheitskonzept ist aufgegangen, entspannt philosophiert er über die angenehme Seite seines Jobs: "Ich bin auch Braunschweig-Fan und tippe meistens 3:1 für die Eintracht." Da hat er dieses Mal knapp falsch gelegen: Braunschweig gewinnt mit 2:1.