Antibiotika-Einsatz bei Masthühnern steigt
Das Landwirtschaftsministerium Niedersachsen bestätigt den gestiegenen Einsatz der Medikamente. mehr
Bis zu 24 Hühner müssen sich in der Massentierhaltung einen Quadratmeter Stallplatz teilen.
Viele Tausend Puten stehen dicht gedrängt in den Ställen, mit jedem Tag wird es für sie enger. In der konventionellen Haltung sind Puten genetisch so verändert, dass sie in kurzer Zeit extrem zunehmen, sagt Sabine Petermann vom Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz: "Ein Putenhahn muss in weniger als einem halben Jahr von 50 Gramm auf 20 Kilo kommen. Das ist quasi das 400-fache des Schlupfgewichts. Da müssen Skelett und Herzkreislaufsystem enormes leisten, um mithalten zu können."
Allerdings kann das Skelett da nur selten wirklich mithalten, Tierärzte müssen häufig Medikamente verschreiben. Dank modernster Zucht besteht die Mast-Pute heute zu etwa 40 Prozent aus Brustfleisch, früher waren es 25 Prozent. Steigt der Stress, steigt auch das Risiko von Kanibalismus, das heißt, die Tiere picken sich gegenseitig blutig. Um das zu verhindern, werden schon den Küken die Schnäbel gekürzt. Ein schmerzhafter Eingriff, bei dem der Oberschnabel entfernt wird. Für Petermann ist dieser Eingriff vergleichbar mit einer Kieferamputation. Das hätten diverse Untersuchungen nachgewiesen. "Von daher muss sicherlich alles getan werden, um diesen Eingriff mal überflüssig zu machen", sagt die Verbraucherschützerin.
Masthähnchen müssen ihr Gewicht täglich steigern.
Eigentlich ist das Schnabelkürzen in Deutschland verboten, aber mit großzügig vergebenen Ausnahmegenehmigungen ist dieser Eingriff in der konventionellen Haltung die Regel. Nicht besser als den Puten geht es vielen Masthähnchen. Bis zu 24 Hühner leben in riesigen Ställen auf einem Quadratmeter.
"Die Tiere sind dort am Ende der Mast wie Sardinen in der Dose aufgereiht und haben kaum noch Bewegungsmöglichkeiten. Die sollen sich ja auch nicht bewegen, denn sonst haben sie nicht ihre täglichen Zunahmen. Das ist ein 'Dahinvegetieren'. Und für mich als ehemaligen Amtsveterinär hat das mit artgerechter Haltung überhaupt nichts zu tun", sagt Hermann Focke. Der Tierarzt spricht in diesem Zusammenhang auch das Wort "Tierquälerei" aus.
Focke sieht zudem ein weiteres großes Problem: den starken Antibiotika-Einsatz bei Masthähnchen. Bis 2006 wurden die Medikamente als Wachstumsbeschleuniger eingesetzt. Das ist heute verboten. Und trotzdem ist der Antibiotika-Einsatz nach Angaben des Niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums gestiegen. Das sei eine Folge der Massentierhaltung, meint Tierarzt Rupert Ebner. Viele Landwirte müssten sich den strengen Gesetzen der Fleischindustrie beugen: "Die Produktionsbedingungen in diesen Betrieben sind ganz klar vorgegeben: Wann die Tiere kommen, wann sie eingestallt oder ausgestallt werden, wie lang dazwischen frei ist. Das sind also völlig nachvollziehbare industrielle Abläufe. Das Tier ist dabei nur der Mittel zum Zweck."
Mit glücklichen Tieren auf Bauernhöfen habe das längst nichts mehr zu tun, so Ebner. Es gehe um möglichst billiges Fleisch. Und so lange sich daran nichts ändert, werde es vermutlich auch immer wieder neue Skandale geben.