Verletzte Libyer im Ammerland eingetroffen
Das Bundeswehrkrankenhaus Westerstede versorgt die Aufständischen. (Meldung vom 19.10.2011) mehr
Im Oktober hat die Bundesregierung den Menschen im vom Bürgerkrieg geschüttelten Libyen versprochen, Kriegsverletzte in Deutschland zu behandeln. Das Auswärtige Amt in Berlin schätzt, dass inzwischen 1.000 solcher Patienten in deutschen Krankenhäusern versorgt werden - nach privaten und offiziellen Einladungen. Die ersten verletzten Libyer waren noch im Oktober auch nach Hamburg gekommen. Und jede Woche kommen neue Patienten aus dem nordafrikanischen Land an. NDR Info hat einen der Betroffenen besucht.
Mohammed (vorn) und sein Bruder schauen in Hamburg die neuesten Nachrichten aus Libyen.
Der 24-jährige Mohammed kennt von Deutschland nur sein Krankenzimmer und ein Stückchen Wald vor dem Fenster, das er vom Bett aus sieht. Sein Bruder sitzt an der Bettkante, im arabischen Nachrichtensender Al-Dschasira läuft ein Fußballspiel. Der Tag im August, an dem Mohammed so schwer verletzt wurde, scheint weit weg: "Wir haben morgens erfahren, dass Gaddafis Sohn Saif-Al-Islam in einer Rede die Freiheitskämpfer beschimpfte. Und dann haben wir beschlossen, zum Platz vor Gaddafis Machtzentrale zu ziehen." Mohammed hatte vor den Unruhen als Flugbegleiter gearbeitet. Dann kämpfte er monatelang mit seinen Freunden gegen das ihm verhasste Gaddafi-Regime. "Wir wussten, dass es gefährlich ist, auf diesen Platz zu gehen. Aber wir waren so wütend. Dann haben mich plötzlich zwei Kugeln von Scharfschützen ins Bein getroffen. Und die Schmerzen, die ich dann hatte, die konnte ich kaum aushalten."
Ärzte in Libyen und Tunesien konnten zwar die Kugeln aus Mohammeds Bein entfernen. Aber die Wunde hatte sich stark infiziert und auch der Knochenbruch heilte nicht. Die deutschen Ärzte operierten Mohammed sofort nach seiner Ankunft. Es geht ihm jetzt schon deutlich besser, auch weil er starke Schmerzmittel erhält. "Das Einzige, was ich hier komisch finde, ist das Essen. Die deutsche Küche ist nicht wie die arabische, und es wird nicht nach islamischer Tradition geschlachtet. Deswegen bestelle ich mir meistens vegetarische Pizza und so was."
Für die deutschen Ärzte war es eine ganz neue Erfahrung, als vor zwei Monaten die ersten libyschen Verwundeten ankamen. Fast fünfzig Patienten waren es allein in dieser Klinik seitdem - mit Schusswunden, Infektionen und Querschnittslähmungen. Wolfgang Tigges, der ärztliche Leiter des Asklepios-Klinikums in Hamburg-Rissen, findet es auffällig, dass kaum einer der Betroffenen über 30 Jahre alt ist: "Das ist etwas Besonderes, wenn man sieht, in welchem jungen Alter sich die Menschen für etwas eingesetzt haben, und dann schwerste Verletzungen erlitten haben, die nicht mehr rückgängig zu machen sind."
"Ich hoffe, dass es sich gelohnt hat"
Für sein Land wünscht sich Mohammed Freiheit, für sich selbst, dass er wieder laufen kann.
Mohammed ist froh, dass sein Bruder bei ihm ist in diesem fremden Land. Von hier aus verfolgen die beiden in den Nachrichten die Umbruchphase in ihrem Land. "Ich hoffe, dass das befreite Libyen auf dem Weg zur Demokratie weiter voranschreitet. Und dass es sich gelohnt hat, das Gaddafi-Regime zu bekämpfen", sagt Mohammed. Für sich selbst wünsche er sich, "dass ich wieder mit beiden Beinen laufen kann, wenn ich zurückkehre".
Mit der Hilfe deutscher Ärzte und Therapeuten könnte es schon in drei Monaten so weit sein. Als Flugbegleiter könnte Mohammed dann wieder arbeiten - von seinem befreiten Land aus die Welt bereisen und vielleicht auch von Deutschland mehr sehen als sein Krankenzimmer.