Peter Hornung
Eine Kurz-Vita des NDR Info Redakteurs. mehr
In einem Airbus dieses Typs bekamen im Frühjahr dieses Jahres offenbar mehrere Passagiere während eines Fluges nach Nürnberg gesundheitliche Probleme.
TCP - diese drei Buchstaben sorgen seit einiger Zeit nicht nur bei deutschen Fluglinien für beträchtliche Aufregung. TCP steht für Tricresylphospat, ein Nervengift, das im Triebswerksöl enthalten ist - und das in die Kabinenluft von Flugzeugen gelangen kann. Piloten und Flugbegleiter weltweit machen TCP für akute Beschwerden, aber auch für langwierige Erkrankungen verantwortlich. Fluglinien und Flugzeughersteller widersprechen: Es gebe bislang keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür. Jetzt aber haben Forscher TCP im Blut von Fluggästen nachgewiesen.
Zwölf Passagieren haben die Forscher der Universität des US-Bundesstaates Washington Blut abgenommen, ein bis zwei Stunden nach dem Flug. Bei sechs von ihnen fanden sie eine nervenschädigende Form der Substanz TCP - mit einem neuartigen Testverfahren. Das sei das erste Mal, dass dieses Nervengift im Blut von Passagieren gefunden worden sei, stellen die Wissenschaftler fest. Für Andreas Tittelbach eine immens wichtige Feststellung. Der frühere Verkehrspilot ist seit Jahren berufsunfähig. Die Schuld gibt er TCP: "Das sind sehr besorgniserregende Forschungsergebnisse und sie bestätigen meine Befürchtungen und die meiner Kollegen, dass wir im täglichen Flugbetrieb immer wieder Giftstoffen ausgesetzt sind."
Arne von Spreckelsen von ver.di weiß von internen Diskussionen bei den Fluggesellschaften.
Hunderte Piloten und Flugbegleiter seien weltweit von solchen Vergiftungen betroffen, sagt die Pilotenvereinigung Cockpit. TCP gelangt ins Flugzeuginnere, wenn Triebswerköl verbrennt, denn bei den meisten modernen Flugzeugen wird die Kabinenluft an den Düsen angesaugt. Crews berichten dann regelmäßig von einem merkwürdigen Geruch nach alten Socken - ein Alarmzeichen. Strittig ist allerdings, ob die TCP-Konzentration ausreicht, um Beschwerden wie Schwindel oder gar chronische Nervenkrankheiten hervorzurufen - nach außen sagen Fluggesellschaften nein. Intern aber werde viel diskutiert, sagt ver.di-Sprecher Arne von Spreckelsen. Das berichteten ihm Gewerkschaftsmitglieder. "Funktioniert denn dieses teure Gerät eigentlich. Funktioniert das, womit wir die Arbeit machen?", frage man sich bei den Fluggesellschaften hinter verschlossener Tür. "Das möchten sie - und das finde ich verständlich - natürlich nicht in der Öffentlichkeit diskutieren. Aber ich weiß, dass die großen Airlines intern dran arbeiten." Bei seiner Gewerkschaft wünsche man sich jedoch, "dass sie enger mit uns zusammenarbeiten. Weil wir ein gemeinsames Interesse haben, diese Sache vom Tisch zu bekommen".
Der Bundestagsabgeordnete Markus Tressel ist Tourismusexperte der Grünen.
Die Qualität der Kabinenluft ist am Mittwoch auch Thema im Bundestag. Abgeordnete wollen Experten hören und sich dadurch ein Bild machen. Über die neue Studie werde man sicher auch sprechen, sagt der Parlamentarier Markus Tressel von den Grünen. Er beschäftigt sich seit Längerem mit dem Problem Kabinenluft und hat schon früher Fluglinien befragt: "Man hat es zunächst negiert, dieses Problem. Wir haben vor einem Jahr mehrere Airlines angeschrieben, haben aber nur von einer Gesellschaft eine Rückmeldung bekommen. Jetzt ist man natürlich in heller Aufregung und versucht das Thema irgendwie glattzubügeln."
Lufthansa, Condor, Air Berlin und Co. äußern sich zu dem Thema mittlerweile meist über Branchenverbände. Einer von ihnen, der BDF, wollte sich NDR Info gegenüber nur schriftlich zu Wort melden. Die zuständige europäische Aufsichtsbehörde habe mitgeteilt, "dass bisher zum Thema 'Kontaminierte Kabinenluft' keine Nachweise im Bereich der Sicherheit und Gesundheit vorliegen und keine Änderung der bestehenden Sicherheitsvorschriften erforderlich seien". Die neue US-Studie könne man selbst nicht prüfen, so der Branchenverband, das sei Aufgabe der Aufsichtsbehörden. Für ver.di-Sprecher von Spreckelsen ist die Untersuchung jedoch auf jeden Fall eine Art Startschuss: "Wir wollen deutsche Studien, die da ganz genau rangehen, um damit eine gute Entscheidungsgrundlage zu haben, um dann zu wissen: Was ist da und wie gehen wir dagegen vor?"
Gut möglich, dass sich bald auch deutsche Gerichte näher mit dem Thema befassen. Ein ver.di-Mitglied glaubt, durch vergiftete Kabinenluft geschädigt worden zu sein. Seine Rechtsschutzversicherung habe ihm grünes Licht gegeben, "weil die aufgrund von vorliegenden Gutachten davon ausgehen, dass ihr Versicherungsnehmer bei so einem Ereignis geschädigt wurde. Und sie wollen das jetzt einmal durchprozessieren. Das ist ganz neu in Deutschland". Das wird aber noch dauern - und deshalb hat Grünen-Experte Markus Tressel für Fluggäste eine Empfehlung parat, sollten sie selbst einen solchen Zwischenfall beobachten. Druck machen bei den Airlines: "Passagiere haben da eine ganz große Macht. Und die sollten sie ausnutzen, dass sie auch mal ganz konkret bei den Fluggesellschaften nachfragen."