Warum der Netzausbau stockt

von Ulrich Czisla, NDR Info Wirtschaftsredaktion

Der Vorstandsvorsitzende von Vattenfall Europe, Tuomo Hatakka © ddp Detailansicht des Bildes Für Vattenfall-Chef Tuomo Hatakka ist der Netzausbau die Achillesferse der Energiewende. Bisher ist das deutsche Stromnetz für die wachsende Produktion von Sonnen- und Windstrom nicht ausgelegt. Der im windigen, aber eher strukturschwachen Norden in Offshore-Windkraftanlagen erzeugte Strom muss in die Industrie-Gebiete Süddeutschlands transportiert werden. Das geht nur über hunderte Kilometer lange Starkstromtrassen, die beide Regionen verbinden. Noch gibt es die allerdings nicht. Was bedeutet: Wenn an der Küste der Wind weht, werden die Windkraftanlagen häufig abgestellt, weil die Konzerne nicht wissen, wohin mit dem Strom.

4.000 Kilometer neue Stromtrassen

Für den Chef des Stromerzeugers Vattenfall Tuomo Hatakka ist der Netzausbau die Achillesferse der Energiewende: "Um die Systemstabilität sicher zu stellen, braucht Deutschland über 4.000 Kilometer neue Übertragungsnetze in den kommenden zehn Jahren. Das wird kein Sonntagsspiergang sein." In den vergangenen fünf Jahren habe Deutschland, so Hatakka, im Durchschnitt jährlich 20 Kilometer neue Trassen gebaut. Rein rechnerisch würde der Ausbau der Netze also mehr als 200 Jahre dauern. Zur Verfügung stehen aber nur acht Jahre. Aber schon jetzt hinkt der Ausbau nach Angaben der Bundesnetzagentur ein bis zwei Jahre hinter den ursprünglichen Plänen hinterher. Ein "verbindlicher Netzplan" der Bundesregierung, der als Grundlage aller Ausbau-Arbeiten dienen soll, wird voraussichtlich erst Ende des Jahres fertig.

"Rechtliche Handhabe für zügigen Ausbau"

Für den Energie-Experten des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts, HWWI, Sebastian Schröer, sind vor allem zwei Faktoren für die Verzögerungen verantwortlich: "Bei den Netzen müsste man sicherlich zum einen das Planungsrecht dahingehend ändern, dass es schneller geht, so dass man weniger Möglichkeiten hat, es zu verzögern oder zu blockieren. Und andererseits, sollte die Finanzierung so ausgestaltet sein, dass die Netzbetreiber einen ganz klaren finanziellen Anreiz haben, in diese Netze zu investieren."

Wer zahlt die Ausbau?

Auseinander gezogene Elektrostecker auf Euro-Scheinen © picture-alliance/dpa-Report Fotograf: Patrick Pleul Detailansicht des Bildes Noch ist unklar, wer am Ende die Kosten für den Ausbau der Stromnetze zahlen wird. Wird es am Ende auf den Steuerzahler oder den Stromkunden abgewälzt? Der Ausbau der Netze kostet einen zweistelligen Milliardenbetrag. Noch ist unklar, wer für diese Riesen-Summe aufkommt. So sieht sich der Netzbetreiber Tennet, der im Norden für die 15 Milliarden Euro teure Anbindung der Windparks an die Überlandtrassen zuständig ist, nicht in der Lage, das Projekt allein zu finanzieren. Letztendlich, so sagt Johannes Winterhagen, Autor eines Buches über die Folgen der Energiewende, gebe es keine andere Option als eine Finanzierung durch Steuergelder: "Der Staat muss an bestimmten Stellen, wenn es um die Infrastruktur, den Netzausbau geht, eingreifen. Es gibt Dinge, die funktionieren nicht im Wettbewerb, dann muss der Staat auch Geld in die Hand nehmen."

Bezahlen wird in jedem Fall der Bürger, ob nun als Steuerzahler oder als Stromkunde. Und es werde voraussichtlich mehr sein, als bisher erwartet, sagt HWWI-Experte Sebastian Schröer: "Es wird sehr teuer. Es wird wahrscheinlich noch viel teuerer als wir momentan denken. Was es genau kosten wird, ist schwierig zu sagen. Irgendwer muss es bezahlen - und bisher waren das im Wesentlichen die Stromkunden."

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/info/programm/sendungen/reportagen/energiewende279.html
Doku zum Thema
Eine Windkraftanlage steht neben einem Hochspannungsmast im schleswig-holsteinischen Brunsbüttel. © dpa Fotograf: Carsten Rehder
 

Kurzschluss: Energiewende ohne Saft

04.03.2013 | 22:00 Uhr
NDR Fernsehen: 45 Min

Der Widerstand gegen notwendige Hochspannungsleitungen und Stromspeicher ist heftig. mehr

Weitere Informationen
Windrad und Solaranlage im Rapsfeld © Fotolia.com Fotograf: VRD
 

Die Energiewende: Ist die Kurve noch zu kriegen?

Wir haben den Fortschritt der Großbaustellen unter die Lupe genommen. mehr