Der Allgemeine Wirtschaftsdienst (AWD) ist ein Finanzdienstleister mit Sitz in Hannover. Er ist eine Tochtergesellschaft des Versicherungsunternehmens Swiss Life aus der Schweiz. Der langjährige AWD-Chef Carsten Maschmeyer wechselte nach der Übernahme durch Swiss Life im Jahr 2009 in den Verwaltungsrat des Schweizer Konzerns.
Die schillernde Karriere des Carsten Maschmeyer - am 12. Januar in einem Beitrag im Ersten. mehr
Stand: 09.12.2011 15:26 Uhr
AWD drohen Millionen-Rückforderungen
von Ilka Steinhausen, Christina Hofmeier, Kristopher Sell, Jürgen Webermann
Auf den Finanzdienstleister AWD kommen möglicherweise Kunden-Rückforderungen in dreistelliger Millionenhöhe zu, weil er über eine Tochterfirma überhöhte Provisionen für Fondsgeschäfte kassiert haben soll. Gemeinsame Recherchen von NDR Info und dem ARD-Magazin Panorama decken erstmals das System auf, mit dem der AWD rund um den Börsengang im Jahr 2000 Kasse machte.Will sich der langjährige AWD-Chef Carsten Maschmeyer auch wegen dieser Recherchen jetzt endgültig zurückziehen?
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AWD drohen Millionen-Rückzahlungen
Dem Finanzdienstleister AWD drohen Rückforderungen in dreistelliger Millionenhöhe, weil er über eine Tochterfirma überhöhte Provisionen für Fondsgeschäfte kassiert haben soll.
Fonds wurde zum Fiasko
Gerne wird Christian Betz nicht auf sein Investment angesprochen, das ihm ein Berater des AWD vermittelt hatte. 40.000 Mark steckte Betz, ein Familienvater aus Solingen, vor mehr als zehn Jahren in den Immobilienfonds "Falk 60". Der Fonds wurde zum Fiasko. Besonders pikant: Betz muss noch einmal für 60.000 Mark haften, die die Falk-Gruppe als Kredit aufgenommen hatte. Versprochene Ausschüttungen gibt es dagegen nicht mehr - stattdessen zittert Betz um sein Geld. "Die Sache ist ganz schön heikel", sagt er.
Bis zu 22 Prozent Provision
Was Betz damals nicht wusste: Der AWD-Konzern, über den er sein Geld in "Falk 60" gesteckt hat, erhielt von der Falk-Gruppe damals offenbar bis zu 22 Prozent Provision, damit er auch fleißig Anteile an die Kunden verkauft. Das zeigen Dokumente, die NDR Info und dem ARD-Magazin Panorama vorliegen. Bei einer solchen Provisionshöhe hätte der AWD Betz jedoch zwingend informieren müssen.
Der Bundesgerichtshof hatte in mehreren Fällen klargestellt, dass Finanzberater eine Offenlegungspflicht haben, wenn die Provision bei mehr als 15 Prozent liegt. Alles andere gilt schlichtweg als unseriös. Auch Betz betont: "Hätte ich um die Provision gewusst, hätte ich den Fonds doch nicht gezeichnet. Das ist doch gar nicht rentabel."
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Gewinne waren wichtig für AWD-Börsengang
"Falk 60" ist jedoch wohl nicht der einzige Fonds, bei dem wohl mehr als 15 Prozent des eingezahlten Geldes der Anleger in die Taschen des AWD-Konzerns flossen. Das Geschäft mit geschlossenen Fonds galt um die Jahrtausendwende als wichtig für den Börsengang des AWD, denn es warf durch die Provisionen gute Gewinne ab. "Für mehr als 75 Prozent" der Fondsprodukte habe der Finanzdienstleister aus Hannover damals mehr als 15 Prozent Vergütung kassiert, sagt einer, der es wissen muss: Hermann J. Winkler, damals hochrangiger Manager im AWD-Konzern. Aber warum konnte das bisher niemand dem AWD nachweisen? Die wahrscheinlichste Antwort: weil die Provisionen zwischen verschiedenen Konzerntöchtern aufgeteilt wurden.
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Internes Geschacher bei Fondsgeschäften
Winkler leitete damals als Geschäftsführer die bisher weitgehend unbekannte AWD-Tochter Allgemeine Immobilien, Makler & Service GmbH (AIMS). Er verstand sein Geschäft offenbar gut, denn über die AIMS liefen so gut wie alle Fondsgeschäfte, die der AWD seinen Kunden anbot. Und zwischen der AWD GmbH als einer Konzerntochter und der AIMS als anderem Unternehmensteil wurde intern geschachert, wie Verträge zwischen beiden Gesellschaften zeigen.
Es ging um die Frage, wie viel Geld die AIMS an die AWD GmbH weiterleitete, die den Vertrieb der Fonds übernommen hatte. "Zwischen 9,6 und 11 Prozent" seien das in der Regel gewesen, sagt Winkler. Der Rest verblieb bei der AIMS. Die AWD GmbH konnte laut Winkler also stets behaupten, sie habe nie überhöhte Vergütungen kassiert. Der AWD-Konzern hingegen, zu dem auch die AIMS gehörte, verbuchte in vielen Fällen insgesamt offenbar mehr als 15 Prozent in die Bilanz. Winkler beziffert das Umsatzvolumen beim Verkauf von geschlossenen Fonds auf 500 bis 700 Millionen Euro.
Komplette Kinos zu Werbezwecken gemietet
Rund um das Jahr 2000 stand Carsten Maschmeyer an der Spitze des AWD-Konzerns.
Wie viele Kunden betroffen sein könnten, verdeutlicht auch eine Liste, auf der mehrere Tausend Kunden stehen, die die Medienfonds IMF 1 und 2 gezeichnet haben. Das Provisionsgeschachere bei diesen Fonds war besonders aufwendig: Laut Winkler gab es eine Abschlussprovision, dazu eine weitere Provision, wenn besonders fleißig verkauft worden war, und auf die Fonds bezogene Marketingzuschüsse. Beim Medienfonds IMF, der unter anderem in Filmprojekte investieren sollte, wurden zu Werbezwecken bundesweit Kinos angemietet - "Aktion Kinolandschaften" hieß die bedeutendste Reihe, mit der der AWD Kunden anlockte.
Vielen Dank für die große Resonanz auf die Berichterstattung zum AWD. Soweit Anwaltsanfragen in den Zuschriften enthalten sind: Der NDR kann hierzu keine Empfehlungen abgeben. Wenden Sie sich bitte an Ihren persönlichen Anwalt oder an die Verbraucherzentralen.
Das Finanzunternehmen AWD hat nach NDR Info Informationen bei vielen Fondsprodukten gegen Provisionsvorschriften verstoßen. (Meldung vom 26.09.2011) mehr