Ilka Steinhausen
Eine Kurz-Vita der NDR Info Redakteurin. mehr
Der AWD hat nach Informationen von NDR Info bei vielen Fondsprodukten offenbar massiv gegen Provisionsvorschriften verstoßen. Den neuen Erkenntnissen zufolge könnten Tausende Anleger doch noch gerichtlich gegen den Konzern vorgehen, bevor ihre Fälle verjähren.
Von Ilka Steinhausen und Jürgen Webermann, NDR Info
Laut einem Urteil von 2009 darf sich der AWD nicht mehr "unabhängiger Finanzoptimierer" nennen.
Mit großen Finanzanlagen kannte sich Jutta Meissner (Name geändert) nicht gerade aus - als Altenpflegerin war ihr Einkommen dafür zu bescheiden. Als ihr Vater ihr jedoch vor elf Jahren 100.000 D-Mark vererbte, fühlte sie sich plötzlich reich. Es dauerte nicht lange, und schon stand auch ein Berater des Finanzunternehmens von AWD vor der Tür, um ihr Erbe zu optimieren, wie er angab. "Ich war froh, dass sich jemand um das Vermögen kümmerte", sagt Jutta Meissner heute. Ihr Vertrauen in den AWD bereut sie jetzt aber bitter. Es ist so gut wie nichts von den 100.000 Mark übrig geblieben, die sie in geschlossene Fonds investiert hatte. "Als ich hörte, dass die Fonds pleite sind, das war der Hammer! Da ging's mir richtig schlecht", erinnert sich die Anlegerin.
Doch wie viele andere geschädigte Anleger, deren Fälle auch in Kürze verjähren, hat Jutta Meissner Grund zur Hoffnung: darauf, dass sie zumindest einen Teil des Geldes zurückerhalten könnte. Allein 50.000 Mark investierte sie damals in den Medienfonds IMF 2. Was jedoch weder Jutta Meissners damaliger AWD-Berater noch sie selbst bisher wussten: Bei den vom AWD vermittelten Fonds IMF 2 wurden nach Informationen von NDR Info offenbar insgesamt 16 Prozent Provision gezahlt. Ein brisanter Vorwurf: Denn nach geltender Rechtsprechung hätte der AWD Jutta Meissner über die Provisionen zwingend aufklären müssen. "Fondsgeschäfte, bei denen mehr als 15 Prozent Provision fließen, sind wirtschaftlich in der Regel nicht tragfähig", sagt Achim Tiffe vom Hamburger Institut für Finanzdienstleistungen (iff). "Sollten die Vorwürfe, dass da höhere Provisionen geflossen sind, zutreffen, hätten geschädigte Anleger vor Gericht Chancen auf Erfolg."
Manfred M. meint:
"Es würde mich wundern, wenn die Anleger Erfolg haben. Die Provisionsfrage ist doch nicht die Ursache für die Verluste, sondern der Betrug. In einem funktionierenden Rechtssystem wird der zuerst Betrug geahndet. Daß das hier wieder nicht geschieht wie auch im jüngsten BGH-Urteil, zeigt das marode System." Hier gehts direkt zum Forum
EdithC schreibt:
"Wie brutal dieses System ist haben wir am eigenen Leibe gespürt. Im Jahr 1997 wurde uns von einem AWD-Finanzberater ein geschlossener Immobilienfonds aufgeschwatzt, mit den höchsten Lobeshymnen im Hinblick auf Gewinn und Anlage als Altersvorsorge. Auch hier floss eine hohe Provision. Ebenfalls wurden wir dahingehend beraten, den Fond über die Bank zu finanzieren. In einem Prozess konnten wir den Bankkredit teilweise rückabwickeln. Den Immobilienfonds haben wir noch. Der Fonds wird heute am Zweitmarkt mit 10 % gehandelt." Hier gehts direkt zum Forum
Castro ist der Ansicht:
"Dass alle sogenannten Finanzoptimierer nur in die eigene Tasche wirtschaften ist wohl allgemein bekannt. Die Strategie der Vertreter ist: Lebensversicherungen und andere Profit bringende Versicherungen oder Investments verkaufen. Der Nutzen für den Kunden ist gleich null. Der Vertreter erhält jedoch hohe Provisionen und fährt Porsche. Der Kunde steht meist vor dem finanziellen Ruin." Hier gehts direkt zum Forum
Brummbaer kommentiert:
"Wie blöde muss mann oder frau eigentlich sein um eine anlage mit einen kredit zu finanzieren? einfach mal den eigenen kopf einschalten häts auch getan! dies hat nix mit dem awd (oder anderen anbietern sollcher leistungen) zu tun! und, geht es noch um ältere fälle oder muss nun auch noch die steinzeit herhalten um dem ndr quoten zu bringen? eine blödere darstellung gibt es eigentlich nicht mehr." Hier gehts direkt zum Forum
Luc Orient meint:
"Carsten Maschmaier wirkt in besseren Momenten wie ein Heratsschwindler aus den Zwanzigern. So arbeitet er auch. Und das ist bekannt, seit langem. (...) Das Schneballsystem von Maschmaier nutzt Grauzonen, spielt immer mit dem Risiko des Illegalen. Im Grunde ist dieser Mann ein Krimineller, welcher andere Leute abzockt und deren Unwissenheit (die allerdings wirklich bahnbrechend ist) ausnutzt." Hier gehts direkt zum Forum
Der AWD vertrieb kurz vor seinem Börsengang im Jahr 2000 den Informationen zufolge insgesamt mehr als 20 Fondsprodukte, bei denen die Provisionen insgesamt mehr als 15 Prozent betrugen. Darunter waren auch bekannte Fonds wie mehrere Falk-Fonds oder eben die Medienfonds IMF 1 und 2. Für einen der Falk-Immobilienfonds sollen sogar 20 Prozent Vergütung an den AWD geflossen sein. Das haben ehemalige Manager des Finanzkonzerns dem Hamburger Rechtsanwalt Rolf W. Thiel eidesstattlich bestätigt. "Wir haben den Eindruck, dass es sich hier um ein System handelt", sagt Thiel, der den AWD aus eigener Anschauung kennt. Er hat früher selbst Finanzvermittler beraten. "Zu den Mitwissern gehört sicher auch der damalige AWD-Chef Carsten Maschmeyer." NDR Info hat Maschmeyer dazu befragt - jedoch keine Antworten erhalten. Maschmeyer verwies auf den AWD - der AWD wiederum verwies auf Maschmeyer.
Der ehemalige AWD-Chef Maschmeyer hat auf eine NDR Info Anfrage zu den Sachverhalten nicht geantwortet.
Den Recherchen zufolge scheint sich die Zahl derjenigen, die von den Provisionen wussten, in engen Grenzen zu halten. Ehemalige hochrangige Berater erklärten NDR Info, sie hätten keine Kenntnis davon gehabt. "Das bedeutet, dass wir selber vom AWD hintergangen wurden. Dabei hatte Herr Maschmeyer uns immer das Gefühl vermittelt, gemeinsam zu entscheiden und uns einzubinden", sagt ein früherer Direktor des Finanzkonzerns. Ein ehemaliger Teamleiter des AWD ging nach eigener Aussage ebenfalls davon aus, dass neben einem Aufschlag von fünf Prozent "maximal noch zwei Prozent weitere Kosten geltend gemacht wurden. Macht insgesamt sieben Prozent". Er habe die Fondsprodukte auch Freunden und sogar Familienmitgliedern vermittelt. Jetzt stellt er fest: "Wir haben unsere Kunden unwissentlich falsch beraten, weil wir ihnen nichts über die Provisionen gesagt haben. Damit haben wir gegen unsere Pflichten verstoßen."
Den Ex-Beratern zufolge war der Verkauf von geschlossenen Fonds um die Jahrtausendwende ein wichtiger Gewinnfaktor für den AWD, der sich damals auf einen Börsengang vorbereitete. Auch Anwalt Thiel vermutet: "Es wurden nicht Produkte für die Kunden gesucht, sondern Kunden für die gewinnbringenden Produkte. Die Vertriebspraxis damals war brutal."