Über die Rolle des Sündenbocks in Krisenzeiten
Von Christian Schiller und Marianne Wendt
Jede Gesellschaft sucht sich ihren eigenen Sündenbock. Heutzutage sind es "die Muslime", "die da oben" oder die Angehörigen bildungsferner Schichten, die an allem Schuld sein sollen. Im Nachkriegsdeutschland der 50er Jahre waren es tüchtige Flüchtlingsfrauen aus den Ostgebieten, die in der Region Lüneburg der Hexerei verdächtigt wurden. "Mobbing" ist der zeitgemäße Begriff für das, was mit den Verdächtigten passierte: Ihnen wurden Fenster eingeworfen, man spuckte vor ihnen aus und vollzog geheimnisvolle Rituale, um ihre Kraft zu bannen. Es fanden sogar Gerichtsprozesse statt, unter großer Anteilnahme der Bevölkerung. Die "Hexenprozesse" in Norddeutschland beschreiben die Ungleichzeitigkeit von aufgeklärtem Fortschrittswillen einerseits und den von Vorurteilen, Neid und Hass getriebenen Ängsten einer Bevölkerung in der Krisenzeit. Damals wie heute scheint zu gelten: Je komplexer die Welt, desto größer wird die Sehnsucht, einen Schuldigen für das Übel zu finden.
Wiederholung um 17:05 Uhr