Ein Kommentar von Cora Stephan
Der Vulkanausbruch in Island bzw. seine Folgen haben der Luftfahrt schätzungsweise 1,3 Milliarden Euro Verlust beschert. Kann man darüber frohlocken? Offenbar ja - Spiegel- und Zeitleser jedenfalls freuten sich online Seite um Seite darüber, dass Mutter Erde es den raffgierigen Kapitalisten mal wieder so richtig gezeigt habe. Naturgewalten als Menetekel an der Wand, als flammendrotes "Haltet ein und kehret um!" Gott straft die Menschen für ihr sündiges Tun. Welch Selbstüberschätzung. Denn wahrscheinlich denkt der gar nicht dran. Wahrscheinlich lautet die Botschaft ganz anders: unsereins ist der Natur von Herzen egal. Selbst für die Weltzerstörung braucht sie uns nicht. Das kriegt sie prima auch ganz ohne menschliche Einwirkung hin. Gut, daran mal wieder erinnert zu werden. Denn auf dem Höhepunkt der Klimadebatte sah das noch ganz anders aus. Da wurde geradezu biblisch verkündet - auf die Fakten kommt es bei Prophezeiungen bekanntlich nicht an: An der dräuenden Klimakatastrophe ist der Mensch schuld. Und nur er, das ist der Umkehrschluss, kann ihr auch Einhalt gebieten. Ein paar ganz Mutige möchten deshalb auch glühende Lavaströme mit der Klimaprophetie verbinden. Doch wir werden einsehen müssen, dass es etwas gibt, das stärker ist als der Mensch. Ein bisschen Demut wäre also durchaus angebracht.
Doch muss man sich gleich so klein machen, wie unsere Bundesregierung angesichts der Aschewolke? Die Kanzlerin kurvte mit ihrer Reisegruppe hilflos durch Europa, statt sich einen Helikopter an ihren Regierungssitz zu nehmen, der Verkehrsminister pöbelte herum und die europäische Bürokratie demonstrierte, dass sie auch einen ausbrechenden Vulkan in der Schadensbilanz noch übertreffen kann. Die Sperrung des Luftraums durch Euro-Control aus Sicherheitsbedenken wird zunächst richtig gewesen sein. Doch sie basierte, wie sich recht bald herausstellte, auf nicht zureichenden Daten bzw. auf gar keinen. Sämtliche der für die Menschen und die Flugwirtschaft bitteren Entscheidungen basierten auf Computersimulationen. Mehr hatte man nicht. Doch die wurden auch noch missverstanden. Denn man interpretierte selbst das als gefährliche Aschewolke, was im Rechenmodell lediglich als "kontaminiert" bezeichnet wurde. Zwischen einer schwarzen Aschewolke und Aschepartikeln in einem ansonsten strahlend blauen Himmel liegen Welten. Doch Grenzwerte für eine Aschebelastung der Triebwerke waren nicht bekannt. Und zu originären Messaktivitiäten sah man sich selbst am vierten Tag des Flugverbots noch nicht in der Lage.
Das hochtechnologisch aufgerüstete Europa wusste sich nicht zu helfen - und das kann erst richtig angst und bange machen. Denn was wird sein, wenn einmal wirklich der Katastrophenfall da ist und eine konzertierte Aktion nötig wäre, um größtmöglichen Schaden abzuwenden? Es dominierte die Bürokratie, nicht der Sachverstand der Piloten oder das menschliche Einschätzungsvermögen, das einzige, was in heiklen Lagen nützt. Politik und Gesellschaft hatten ihre Entscheidungskompetenz an den Automatismus bürokratischer Abläufe abgegeben. Für den deutschen Verkehrsminister ist das peinlich. Der Führungskraft Angela Merkels stellt es das denkbar schlechteste Zeugnis aus. Und alle anderen sind gewarnt: wehe, es passiert hierzulande einmal wirklich ein Katastrophe.
Dass jetzt über Entschädigungen für Fluglinien geredet wird, passt ins Bild. Repariert wird erst, wenn der Schaden passiert ist. Rechtzeitiges schadensbegrenzendes Handeln ist ja auch weit schwieriger als der Griff in die Kassen und damit in die Taschen der Steuerbürger. Ach ja, die Bürger. Die Deutschen sind bekanntlich sehr hilfsbereit. Erdbebenopfern in fernen Ländern jedenfalls helfen sie gern, das ist ja auch irgendwie politisch korrekt. Den gestrandeten Fernreisenden aber begegneten sie mit kaum verhohlener Schadenfreude. Die hätten ja ihre Ferienreise auch umweltschonend mit dem Fahrrad antreten können, oder? So sind sie, unsere sich untadelig gebenden Moralapostel. Und so durften Tausende gestrandeter Flugreisende, tagelang im Transitbereich verbringen als ob von ihnen illegale Einreise drohe. Kurz: es herrschte Bürokratie, wo Phantasie, Erfahrung und Entschlusskraft nötig gewesen wären. Das jedenfalls wissen wir jetzt. Für den Autoritätsverlust der Regierung gibt es allerdings noch keine Messdaten. Doch immerhin haben wir nun einen neuen Ausbildungsberuf: Vom Vulkanaschewolkenforscher wird man noch viel hören.