Kommentar

Wie ein Präsident Wertmaßstäbe verrückt

Ein Kommentar von Rolf Seelheim, Chefredakteur der "Nordwest-Zeitung" in Oldenburg

Können Sie es auch nicht mehr hören? Kein Tag vergeht ohne Neuigkeiten vom Bundespräsidenten. Ob supergünstig finanzierter Häuserkauf, billige Ferienaufenthalte in Urlauberparadiesen, gesponserte Wahlfete im Luxusambiente, kostenlose Modekollektionen für die Gattin oder Hotelübernachtungen auf Kosten einer Marmeladenfabrik - da verliert nicht nur der Normalbürger leicht den Überblick. Auch der professionelle Beobachter, gemeinhin Journalist genannt, gerät ins Grübeln, was noch Petitesse, was schon Politikum genannt werden muss.

Wie sollen da erst die geneigten Radiohörer und Zeitungsleser unterscheiden zwischen dem, was zwar mitnichten justitiabel, aber doch höchst unmoralisch ist? Und wenn es einmal der höchste Repräsentant unseres Landes nicht selbst in die Schlagzeilen geschafft hat, beschäftigen sich diese mit seinem langjährigen Intimus, dem Pressesprecher und Männerfreund Olaf Glaeseker. Und führen schließlich doch wieder zu der Frage: Was wusste Wulff von den Umtrieben und Gepflogenheiten seines engsten Vertrauten?

Die Affäre um Christian Wulff, Ausgang durchaus offen, scheint schon jetzt wie kaum eine andere zuvor geeignet, bislang gültige Wertmaßstäbe zu verrücken. Die nicht enden wollende Liste von Vorwürfen und Vorhaltungen ermüdet erkennbar zunehmend das Publikum und führt zu einer teils bizarren Diskussion abseits des eigentlichen Sachverhalts. Erste Stimmen sprechen von einer medialen Hetzjagd: Inszeniert hier eine losgelassene Pressemeute die Hinrichtung eines Präsidenten, nur um sich mit seinem Skalp schmücken zu können? Sind die Journalisten in Wahrheit bloß neidisch auf die junge, schöne Ehefrau des Präsidenten?

Schon wird nicht mehr über den massiven, wenn auch gescheiterten Versuch der präsidialen Einflussnahme auf die Berichterstattung von Zeitungen diskutiert, sondern über die Grenzen der Pressefreiheit. Vor den Gerichten tauchen die ersten Anwälte auf, die ihre Mandanten mit dem Hinweis auf die Usancen im Schloss Bellevue zu verteidigen suchen und selbst Polizeibeamte beklagen öffentlich, dass sie sich gelegentlich vorhalten lassen müssen, sie sollten gefälligst nicht so kleinlich sein, der Bundespräsident sei es doch auch nicht.

Es ist also keinesfalls falsch zu behaupten, dieser Präsident setzt neue Maßstäbe. In einer Gesellschaft, in der die geschönte Steuererklärung allenfalls ein Kavaliersdelikt ist, die um Altschäden angereicherte Schadensmeldung an die Auto-Versicherung als Volkssport gilt und die Nachbarschaftshilfe, volkstümlich Schwarzarbeit genannt, traditionell sehr weitherzig ausgelegt wird, zerbröseln im Laufe der Zeit eben auch die Erwartungen an den ersten Bürger im Staate. Der Bundespräsident hat in seinem Fernsehinterview versichert, er wolle im Amt verbleiben. Die Strategie, die Affäre auszusitzen, scheint vorerst aufzugehen, obwohl die jüngste ARD-Umfrage ihm in den Punkten Glaubwürdigkeit und Ehrlichkeit ein verheerendes Zeugnis ausstellt.

Nicht eben wenige politische Weggefährten von einst wünschen deshalb, wie mittlerweile auch die Mehrheit der Bundesbürger, ein schnelles Ende der Affäre herbei. Denn zunehmend gerät ins Visier der politischen Gegner, wer sich nicht früh und deutlich genug distanzierte. In Niedersachsen wird in genau zwölf Monaten gewählt. Die Affäre Wulff droht inzwischen auch den Nachfolger zu beschädigen. 

Sollte jedoch Wulffs langjähriger treuer Wegbegleiter Olaf Glaeseker sein eisernes Schweigen beenden und reinen Tisch machen, dann spätestens muss Deutschland einen neuen Bundespräsidenten suchen.

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