Kommentar

Nicht nur die Politik hat versagt

In Hamburg sorgt der Tod eines elfjährigen Mädchens durch den Drogenersatzstoff Methadon für Schlagzeilen. Denn erst nach Tagen wurde bekannt: Die Pflegeeltern, bei denen das Mädchen Chantal seit mehreren Jahren lebte, waren drogenabhängig - und keiner will davon gewusst haben.

Ein Kommentar von Kathrin Erdmann, NDR Hörfunkreporterin

Betroffene Gesichter machen sie jetzt alle: Der Hamburger Bürgermeister, der Sozialsenator und der Chef des Bezirks, in dem die elfjährige Chantal durch Methadon ums Leben kam. Und sie versprechen alle eine rückhaltlose Aufklärung. Schöne Worte, die jedoch eines nicht verdecken können: Die Politik hat in Hamburg auf ganzer Linie versagt, mal wieder muss man sagen. Denn es ist nach Jessica und Lara Mia bereits der dritte tragische Todesfall eines Kindes in Hamburg.

Jugendamt hat keine Antwort

Anderthalb Wochen nach dem Tod von Chantal ist eine entscheidende Frage nach wie vor offen: Wie kann es sein, dass ein Kind in eine drogenabhängige Pflegefamilie kommt? Darauf haben weder das Jugendamt noch der Verein VSE, der Chantal in die Pflegefamilie vermittelt hat, eine Antwort. Dabei waren die Pflegeeltern den Ämtern lange bekannt. Bereits 2005 hatten sie die Pflegschaft für ihr Enkelkind übernommen. Drei Jahre später kam Chantal zu ihnen.

Möglicherweise haben die Mitarbeiter des Vereins das Mädchen dort untergebracht, weil sie mit der Tochter der Pflegeeltern befreundet war. Prinzipiell spricht nichts dagegen, ein Kind im gleichen Milieu unterzubringen, in dem es bisher gelebt hat, das sagen Experten. Doch milieunah darf natürlich nicht heißen, dass ein Kind drogenabhäniger Eltern bei anderen Drogenabhängigen untergebracht wird.

Haben Betreuer und Jugendamt hier vielleicht deshalb nicht genau hingeschaut, weil sie fanden, so sei das eben im Milieu? Das wäre fatal. Warum wurde kein Gesundheitscheck gemacht, fragen jetzt einige. Ganz einfach: der ist nicht vorgesehen. Wer sich um eine Pflegschaft bewirbt, gibt selbst Auskunft über seinen Gesundheitszustand - und das war’s. Gegen eine Änderung spricht der Datenschutz.

Auslagerung in der Kritik

Erste Vorwürfe werden laut, dass die Stadt einen großen Teil ihres Pflegekinderwesens überhaupt an andere Stellen ausgelagert hat. Da wolle Hamburg wohl Geld sparen, heißt es. Doch auch das ist zu kurz gesprungen, denn für die Stadt sind die Kosten die gleichen.

Vielleicht hätte mehr Geld Chantal, Lara Mia und auch Jessica das Leben gerettet, wenn die Mitarbeiter in den einzelnen Stellen nicht gleichzeitig so viele Fälle zu bearbeiten hätten. Im Durchschnitt muss jeder Mitarbeiter 35 Familien zu Hause besuchen, neben zahlreichen anderen Tätigkeiten, wohlgemerkt.

Doch offenbart sich hier auch ein strukturelles Problem: Jugendamt und Betreuer haben sich offensichtlich überhaupt nicht über die Familie ausgetauscht. Keiner hat sie einfach mal spontan zu Hause besucht, obwohl so etwas durchaus möglich ist.

Es gibt keine verbindlichen Standards, wie oft und wie intensiv sich Jugendamt und andere Betreuer über die einzelnen Familien austauschen müssen. Durch regelmäßige Kontrollen hätte die Gefahr vielleicht noch rechtzeitig erkannt und das Mädchen wieder aus der Pflegefamilie genommen werden können.

Hinschauen und sich einmischen!

Schon nach Jessica und Lara Mia hätte die Hansestadt reagieren können, um Kinder besser zu schützen. Sie hat es versäumt - und jetzt sind alle betroffen. Warum eigentlich? War es nicht eine Frage der Zeit, bis ein neuer Fall auftaucht? Und zugleich macht der Tod von Chantal auch wieder etwas anderes deutlich: Wie wichtig es ist, hinzuschauen und sich einzumischen. Denn auch die Gesellschaft hat versagt: Kein Nachbar hat offenbar Hilfe geholt, obwohl doch alle über die Eltern Bescheid gewusst haben wollen.

Hintergrund
Das Haus in Wilhelmsburg, in dem Chantal durch eine Methadon-Überdosis starb © NDR
 

Fall Chantal: Was geschah wann?

Der Methadon-Tod einer Elfjährigen in Hamburg-Wilhelmsburg wirft Fragen auf. Offenbar haben die Behörden versagt. Eine Chronologie. mehr

Ein Pflegekind bei den Hausaufgaben © dpa Fotograf: Peter Steffen
 

Wie werden Pflegefamilien ausgesucht?

In Hamburg leben 1.300 Kinder in Pflegefamilien. Eltern, die ein Kind aufnehmen wollen, müssen sich in der Regeln einer sorgfältigen Prüfung unterziehen. mehr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/info/programm/sendungen/kommentare/wilhelmsburg135.html
Autorin
Kathrin Erdmann © Benjamin Hüllenkremer / fotografirma.de Fotograf: Benjamin Hüllenkremer
 

Kathrin Erdmann

NDR 90,3

Eine Kurz-Vita der NDR Hörfunkreporterin. mehr

Weitere Informationen
Eingang des Jugendamts im Hamburger Bezirk Mitte. © NDR.de Fotograf: Daniel Sprenger
 

"Schwachstellen" im Jugendamt frühzeitig bekannt

Der Hamburger Senat war über Missstände im Jugendamt Hamburg-Mitte informiert. mehr

Kommentare auf NDR Info
Reporter nehmen einen Kommentar eines Notfallseelsorgers in Ansbach auf © ddp Fotograf: Timm Schamberger
 

Kommentare/Die Meinung

Die Kommentare aus dem NDR Info Programm zum Nachlesen. mehr