Kommentar

Die Republik im Wechselfieber?

100 Tage sind es noch bis zur Bundestagswahl und so langsam müssen sich die politischen Wahlkämpfer Gedanken machen, was noch zu wuppen ist und was nicht. In den Umfragen liegen Kanzlerin Angela Merkel und die CDU vorne. Also könnte nach dem 22. September alles so bleiben wie es ist. Oder riecht es doch nach Wechselstimmung?

Ein Kommentar von Georg Schwarte, Hauptstadt-Korrespondent in Berlin

Kinder, wie die Zeit vergeht. In hundert Tagen ist alles vorbei. Also, der Wahlkampf jedenfalls. Und für alle, die noch gar nicht bemerkt haben sollten, dass dieser Wahlkampf begonnen hat: sie haben nichts verpasst. Alles wie immer im Merkel-Land. Überwiegend ruhig. Was zumindest eine einzelne Dame überwiegend freut: Angela Merkel nämlich. Die regiert so selbstverständlich vor sich hin, dass Wahlkampf, der im günstigen Fall ja auch Auswahl beinhaltet, überflüssig scheint.

Die Dame hat das Talent, in der Regel über den unerfreulichen Dingen zu schweben und sich - sofern es notwendig scheint, schnell auf eben jene Dinge zu setzen. Beispiel: Mietpreisbremse, Copyright: SPD. "Machen wir auch", sagt sie. "Dolle Idee das Ganze." Mindestlohn? "Machen wir auch", sagt sie. Kindergelderhöhung? "Wir sind dabei", sagt sie. Und so stehen die Sozis eben da, wie sie seit Langem da stehen: einigermaßen ratlos. Und wir erleben zum zweiten Mal, was wir schon 2009 von Angela Merkel in Perfektion vorgeführt bekommen haben: Läuft doch alles, warum was ändern?

Asymmetrische Demobilisierung heißt sowas bei den Profis, bei denen, die von der Union dafür bezahlt werden, dass wir Wähler bleiben wie wir derzeit sind: überwiegend ruhig und zufrieden. Dass diese Kanzlerin in den vergangenen vier Jahren, sagen wir, als Personalchef einer ja doch amtierenden Bundesregierung ein Totalausfall war: es fällt dank der Ruhe im Land leise unter den großen Tisch. Zwei Verteidigungs-, ein Umwelt- und eine Bildungsministerin fielen aus unterschiedlichen und gelegentlich unterirdischen Gründen vom rumpelnden Regierungskarren. Zwei Bundespräsidenten kamen ebenfalls unter die Räder. Was aber die vergangenen drei Jahre und neun Monate keinen störte, wird auch in den verbleibenden 100 Tagen unter der Rubrik "Kollateralschaden" verbucht und vergessen sein, ganz nach dem Kohlschen Motto: Die Karawane zieht weiter.

Und die Sozis? Sie stehen eben wieder da, wie sie seit Langem dastehen: ratlos in der Wüste. Ihr Beitrag derzeit: beispielsweise eine Dame wie Christiane Krajewski. Bevor sich jetzt schon wieder Ratlosigkeit sozialdemokratischen Ausmaßes breit macht: Die Dame ist Bestandteil jenes Kompetenzteams, das jenen Kanzlerkandidaten unterstützen soll, der immer noch Steinbrück heißt.

Der Steinbrück, der Agenda-2010-Fan ist und wohl deshalb als Schattenarbeitsminister den eisernen Agenda-2010-Gegner Klaus Wiesehügel ins lustige Kompetenzteam hievte. Ratlosigkeit á la Steinbrück eben. Der sagt jetzt tapfer: Die heiße Wahlkampfphase beginne ohnehin erst im August. Wie beruhigend. Dann sind wir alle im Urlaub. Nächsten Mittwoch übrigens sind es noch 95 Tage. Da trifft Frau Merkel dann Herrn Obama. Schöne Bilder wird's geben. Für den Wahlkampf, den keiner bemerkt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentare | 14.06.2013 | 17:08 Uhr

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Georg Schwarte © ARD-Hauptstadtstudio Fotograf: Reiner Freese
 

Georg Schwarte

Georg Schwarte arbeitet als Korrespondent für NDR Info im ARD-Hauptstadtstudio in Berlin.

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Jörg Schönenborn © WDR Fotograf: Herby Sachs
 
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Noch 100 Tage bis zur Bundestagswahl

14.06.2013 | 16:20 Uhr

Fragen zur politischen Stimmung in Deutschland an den ARD-Wahlexperten Jörg Schönenborn.

Audiobeitrag starten (05:28 min)
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