Kommentar

Niemand darf auf der Bremse stehen

Ein Riese rudert zurück, zumindest ein Stück weit. Die Deutsche Telekom hatte angekündigt, die Internetgeschwindigkeit für Vielnutzer zu drosseln. Das will sie jetzt zwar immer noch, aber nicht mehr so stark wie zuvor geplant. Nach der heftigen Kritik an den Plänen gilt nun: Falls ein Nutzer ein bestimmtes Datenvolumen überschreitet, wird die Geschwindigkeit auf zwei Megabit pro Sekunde gedrosselt. Ursprünglich war die Senkung auf 384 Kilobit pro Sekunde geplant. Eine gute Entscheidung?

Ein Kommentar von Jürgen Kleikamp, WDR-Korrespondent in Bonn

Eine Drosselklappe für das Datenauto. Das war eine echte Schnapsidee und keineswegs nur eine Spaßbremse. Im Zeitalter von immer günstigeren Flatrates, im Zeitalter von Mega- und Gigabites die Preisschraube zu beschleunigen und den Datenfluss abzubremsen - das passt nur in eine Kategorie "Unternehmerische Fehlentscheidung". Das ist so, als würde man Mario Götze ohne Fußballschuhe in ein Champions-League-Spiel schicken. Kein Wunder also, dass die Kunden auf die Barrikaden gingen - vom durchaus friedfertigen Familienvater bis zum völlig verärgerten Vielfachnutzer.

Immerhin: Die Telekom hat den groben Schnitzer erkannt und das Bremsmanöver vorerst beendet. Allerdings nur halbherzig. Es droht ein neuer Preiskatalog. So in etwa drei Jahren. Wer schneller und schöner im Internet surfen, also beispielsweise ruckelfreie Bilder sehen will, soll irgendwann mehr bezahlen müssen. Wie viel und wann genau - das weiß der Kommunikationskonzern noch nicht. Der Konzern will erst die tatsächliche Kundennutzung über einen längeren Zeitraum erforschen. Das hört sich großartig,  professionell und so richtig schön marktwirtschaftlich an. Ist aber in Wirklichkeit nur eine Nebelkerze. Es geht schlicht darum abzuwarten, ob die liebe Konkurrenz der Telekom, bleiben wir bei dem Beispiel, ruckelfreie Bilder ohne Topzuschlag anbietet.

Doch Wartezeit ist tote Zeit. Allemal für einen Weltkonzern. Da hilft nur eines: Mit Vollgas nach vorne. Der Datenfluss wird in der Geschwindigkeit angeboten, die das System hergibt. Für alle. Ohne wenn und aber, ohne komplizierte Tarifgestaltung, ohne Strafgeld für Spitzennutzer. Und das sofort. Sonst fährt die Telekom in Richtung nächste unternehmerische Fehlleistung. Ganz ungebremst. Natürlich muss der Konzern seine milliardenschweren Ausgaben für immer schnellere und bessere Netze wieder einspielen. Keine Frage. Aber doch nicht so, dass quasi im gleichen Arbeitsgang das wieder abgebremst wird, was mit großer technischer Leistung und leidenschaftlicher Forschung  Spitzengeschwindigkeiten möglich macht. Kontraproduktiver geht's nimmer. Da sind nun unternehmerische Höchstleistungen gefragt. Ein wunderbares Betätigungsfeld für den neuen Vorstandschef Tim Höttges. Der Noch-Finanzchef muss jetzt zeigen, dass er alle Kunden im Blick hat - neben Aktionären und Investoren vor allem auch den Endverbraucher. Denn zufriedene Endverbraucher machen auch Aktionäre glücklich. Das funktioniert aber nur, wenn niemand auf der Bremse steht.

Fiete Stegers hinter Computer-Bildschirmen © NDR Fotograf: Andreas Rehmann

Die Folgen der DSL-Drosselung für Verbraucher

- 12.06.2013 16:40 Uhr - Autor/in: Kahler, Kirsten

Netzweltexperte Fiete Stegers erläutert, was die geänderte Geschwindigkeitsgrenze für Telekom-Kunden bedeutet und was sich das Unternehmen davon verspricht.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentare | 12.06.2013 | 17:08 Uhr

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