Kommentar

Purpur ist das neue Rot: Die SPD im Wandel

Ein Kommentar von Georg Schwarte, Hauptstadtkorrespondent in Berlin

Georg Schwarte © ARD-Hauptstadtstudio Fotograf: Reiner Freese Detailansicht des Bildes Georg Schwarte meint in seinem Kommentar, dass das personal ein Pfund ist, mit dem die SPD im Hinblick auf die nächste Bundestagswahl wuchern könne. "Wir werden über Steine gehen müssen", sagt Peer Steinbrück und meint den künftigen Weg der SPD zurück ins Kanzleramt. Über Steine also. Ein Schelm, der beim Sprachakrobaten und Kanzlerkandidaten-Kandidat Steinbrück bei Steinen eher an Steinbrück und Steinmeier denkt als an die Hindernisse auf dem steinigen Weg zurück an die Macht. Und die wollen sie wieder, die Macht. Diese SPD der ehemals 23 Prozent. Wer aber die letzten drei Tage im purpurneuen SPD-Farbglanz dieses Parteitages verbrachte, traut den Sozis zumindest zu, dass sie es sich selbst wieder zutrauen. Und das ist für eine Partei, die vor zwei Jahren kurz davor war, die "Wir haben fertig"-Fahne zu hissen, schon eine Menge.

Inhaltlich sind sie den Seriösen, den Realisten der Marke Steinmeier und Steinbrück gefolgt: Spitzensteuersatz rauf, aber bitte kein linkes Wolkenkuckucksheim. Rentenrevolution abgesagt, Frauenquote installiert, Parteireform inklusive mehr Mitgliederbestimmung nahezu geräuschlos umgesetzt, Bürgerversicherung abgesegnet und obendrein das klare Bekenntnis: Wir sind die besseren Europäer. Reichlich Holz, mit dem das Feuer der Begeisterung auch jenseits der Wohlfühlatmosphäre kuscheliger SPD-Ortsvereine für die Sozis neu entfacht werden könnte.

Dann ist da die gelungene zweite Abteilung Rhetorik. Höhere Steuern heißen jetzt Sozialpatriotismus. Die Sozialreformen kriegen zu Recht das Label "Maß und Mitte" beziehungsweise "Mitte Links". Und für die Großbaustelle Europa schreibt Peer Steinbrück unter Assistenz des umjubelten SPD-Übervaters Helmut Schmidt an einer neuen Erzählung, an der unsere Kanzlerin bislang aufgrund von offenbarer Schreibhemmung gescheitert scheint. Erschreckend vernünftig das alles, gemessen an einer in der Vergangenheit - Kurt Becks Untergang im Schwielowsee lässt grüßen - häufig in den Streit geradezu verliebten SPD.

Und es kommt noch besser, wenn es nämlich um die nach Sachfragen und Rhetorik nicht unwichtige dritte Abteilung geht: die des Personals. Was die unkende Öffentlichkeit derzeit nämlich als Schwäche und Gefahr für die Sozialdemokraten erkannt haben will, ein Überangebot an Kanzlerkandidaten, die nur darauf warten, dem jeweils anderen bei erster Gelegenheit ganz unsolidarisch die Beine wegzutreten, ist eigentlich ein echtes Pfund für die SPD. Die hat mit Gabriel, Steinmeier, Steinbrück und ein kleines bisschen auch mit Hannelore Kraft Persönlichkeiten, die aus dieser SPD das gesamte kommende Jahr über eine "Deutschland sucht den Kanzlerkandidaten"-Veranstaltung machen können. Im besten Sinne ein Wettbewerb von Typen, bei denen für jeden was dabei ist. Wenn diese Typen sich dann am Ende auch noch friedlich auf einen Kandidaten einigen können, muss man sich fast schon Sorgen machen, wo die zerstrittene SPD der letzten Jahre geblieben ist.              

Was also bleibt vorerst vom SPD-Parteitag 2011? Purpur ist das neue Rot. Steinbrück bleibt Steinbrück und am Genossen Gabriel kommt ohnehin keiner vorbei.

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Peer Steinbrück in Berlin im Dezember 2011 beim SPD-Bundesparteitag. © dpa bildfunk Fotograf: Sebastian Kahnert
 
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