Kommentar

Die Institution Kirche ist am Zug

Für sechs Jahre muss ein katholischen Pfarrer aus Salzgitter ins Gefängnis. So lautet das Urteil des Landgerichts Braunschweig wegen sexuellen Missbrauchs dreier minderjähriger Jungen in 250 Fällen. Es ist nicht der erste dieser Fälle in Deutschland. Fast genau vor zwei Jahren kam am Canisius-Kolleg in Berlin eine jahrzehntelang vertuschte Reihung von körperlicher und sexueller Gewalt ans Tageslicht. Was muss sich in der katholischen Kirche ändern?

Ein Kommentar von Florian Breitmeier, NDR Kirchenredaktion

Die Staatsanwältin spricht von einem angemessen Urteil. Auch die Opfer-Anwältin findet die Entscheidung in Ordnung. Und der bischöfliche Pressesprecher zeigt sich erleichtert ob des raschen Urteils. So viel Einigkeit war selten. Bei manch einem Prozessbeobachter wird der Fall aber vielleicht doch Kopfschütteln hervorrufen. Denn den Priester erwartet eine verhältnismäßig geringe Strafe. Der Richter kam der Forderung der Verteidigung nach, die sechs Jahre gefordert hatte, obwohl laut Staatsanwaltschaft der Angeklagte eine echte, authentische Reue vor Gericht vermissen ließ. Zudem gestand der Angeklagte seine Taten erst dann ein, nachdem ihm der Strafrahmen von sechs bis sechseinhalb Jahren eröffnet wurde. Erst die Absprachen vor Gericht brachten den Beschuldigten mutmaßlich zum Sprechen. Ist das Ausdruck eines selbstkritischen Schuld und Sühne-Verständnisses wie man es von einem kirchlichen Würdenträger erwarten darf?

Der Prozess in Braunschweig hat zwei Jahre nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg das Dilemma deutlich gemacht, in dem die Katholische Kirche bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals nach wie vor steckt. Zeigt sich doch - egal, ob man die Täter oder die Opferseite einnimmt - nach wie vor ein Spannungsverhältnis zwischen dem Individuum und der Institution Kirche. Der Priester aus Salzgitter muss sechs Jahre ins Gefängnis und wird zudem in einem kirchenrechtlichen Verfahren seine Priesterwürde aller Voraussicht nach verlieren. Was aber ist mit der Heimat des Täters? Wie verhält es sich mit der Institution, in deren Räumen der abscheuliche Missbrauch auch geschah. Das Bistum Hildesheim ist im konkreten Fall nicht der Täter. Keine Frage. Aber genügt es Erleichterung darüber zu zeigen, dass der Prozess schnell zu Ende geführt werden konnte, dank des Geständnisses des Beschuldigten? Wenn schon der Täter laut Staatsanwaltschaft keine authentische Reue vor Gericht zeigen kann, müssten dann nicht die Vorgesetzten des Pfarrers öffentlich Reue und Demut zeigen?

Denn die Frage, welche Verantwortung die Institution vor den Opfern hat, ist bisher kaum gestellt worden. Im Zuge des Missbrauchsskandals ist viel von der Glaubwürdigkeit der Kirche die Rede gewesen, auch von der Reinigung der Kirche - viele Opfer aber seien schlicht und einfach vergessen worden, erklärte unlängst der Jesuitenpate Klaus Mertes, der die Missbrauchsfälle vor zwei Jahren am Berliner Canisius-Kolleg öffentlich gemacht hatte.

Beim Thema Sexualität sieht er gar eine Doppelmoral in der Kirche und diese Doppelmoral führe in Sprachlosigkeit. So gesehen bedarf es also konkreter Maßnahmen für die katholische Religionspädagogik, auch für die kirchliche Jugendarbeit. Denn nur dort, wo frei und offen und auch von kirchlichen Würdenträgern in der Ich-Form über Sexualität gesprochen werden kann, sind Grenzziehungen möglich, in denen sich ein Verantwortungsgefühl entfalten kann. Für einen gläubigen Katholiken gehört zur Beichte auch die echte Reue und die Wiedergutmachung. Der Fall aus Salzgitter hat deutlich gemacht: Die Kirche steht auch zwei Jahre nach Bekanntwerden des Missbrauchsskandals erst am Anfang eines schmerzhaften Aufarbeitungs-Prozesses.

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