Kommentar

Zur Euphorie besteht kein Anlass

Die Geschäfte der deutschen Wirtschaft mit anderen Ländern sind im vergangenen Jahr so gut gelaufen wie nie zuvor. Deutschlands Exporte überschritten im Jahr 2011 erstmals die Marke von einer Billion Euro. So meldet es das Statistische Bundesamt. Auch die Einfuhren aus anderen Ländern hätten im vergangenen Jahr ein Rekordniveau erreicht. Aber was sagt das genau über den Zustand der deutschen Wirtschaft?

Ein Kommentar von Michael Weidemann, NDR Info Wirtschaftsredaktion

Selbst in Zeiten der Eurokrise mit ihren milliardenschweren Rettungsprogrammen ist das eine schier unvorstellbare Zahl: auf eine Billion - anders gesagt: eintausend Milliarden - Euro haben sich die Ausfuhren deutscher Waren und Dienstleistungen im vergangenen Jahr summiert. Damit wurde eine symbolische Schwelle überschritten, die die Wirtschaft schon etwas länger im Visier hatte: Kurz vor der ersten Finanzkrise vor drei Jahren näherten sich die deutschen Exporte nämlich schon einmal der Billionengrenze. Die darauf folgende weltweite Rezession bremste unsere heimischen Unternehmen dann allerdings aus und der internationale Handel - bis dahin Motor unserer Volkswirtschaft - geriet etwas ins Stottern. Nun aber laufen die Exporte wieder - dank der unerwartet schnellen Konjunkturerholung in den vergangenen beiden Jahren.

Alles wieder gut also? Leider nur bedingt. Denn zum einen fällt auf, dass wir beim Ab und Auf des deutschen Welthandels unsere Führungsposition endgültig an China haben abgeben müssen. Das riesige, kompromisslos am Wachstum orientierte Reich der Mitte hat uns als Exportweltmeister abgehängt. Und niemand wird ernsthaft davon ausgehen, dass wir uns diese Spitzenposition zurückerobern können.

Zudem macht die Entwicklung während des abgelaufenen Jahres skeptisch: Anfang 2011 wuchsen die Ausfuhren noch zweistellig. Schon im Sommer verlangsamte sich das Tempo; und im Dezember gingen die Exporte sogar zurück. Tendenz: vermutlich fallend. Zur Euphorie besteht also kein Anlass. Vielmehr besteht die Gefahr, dass die Schuldenkrise die Weltkonjunktur erneut in die Rezession führt. Auch wenn die deutsche Wirtschaft davon - wie allgemein erwartet - weniger stark betroffen sein sollte: Bricht die Nachfrage in unseren wichtigen Abnehmerländern ein, werden die exportorientierten Branchen das auch hierzulande zu spüren bekommen.

Und doch bietet die überschrittene Billionengrenze mehr Grund zur Zuversicht als zu Pessimismus. Zeigt der Rekordwert doch eindrucksvoll, dass die Marktführer 'Made in Germany' auch tiefere Einschnitte gut überstehen - und am Ende besser dastehen als zuvor. Und dann ist da noch die Botschaft an unsere Nachbarn, die voller Skepsis auf die Flut deutscher Waren in ihren Heimatländern verweisen: Unsere Importe sind nämlich ebenfalls kräftig gestiegen. Die starke Volkswirtschaft Deutschland hat also auch dazu beigetragen, die Volkswirtschaft anderer europäischer Staaten zu stabilisieren. Ein deutlicher Fingerzeig an die Kritiker des deutschen Kurses in Brüssel, Paris und anderswo.

 

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