NDR Info bei Facebook
"Gefällt mir" klicken und auf dem Laufenden bleiben: Hier geht's zur Facebook-Seite.
Link in neuem Fenster öffnenKommentar
15 Jahre nach der ICE-Katastrophe im niedersächsischen Eschede hat die Deutsche Bahn sich für das Unglück entschuldigt. Bahn-Chef Rüdiger Grube sagte in einer Ansprache, sein Unternehmen bedauere die Geschehnisse zutiefst. Die Bahn entschuldige sich aus tiefstem Herzen für das entstandene Leid. Zuvor hatten Überlebende und Angehörige der 101 Todesopfer des ICE-Unglücks gedacht. Das Zugunglück in der Lüneburger Heide war das schwerste in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Der ICE "Wilhelm Conrad Röntgen" war wegen eines defekten Radreifens entgleist und gegen eine Straßenbrücke geprallt.
Ein Kommentar von Holger Senzel, NDR Info
Natürlich lässt sich darüber streiten, ob die Entschuldigung der Bahn zu spät kommt, eine leere Geste ist - wohlfeil und risikolos nach dem Abschluss der strafrechtlichen Ermittlungen. Sie mindert kein Leid, sie bringt die Toten nicht zurück. Aber es ist doch ein großer Schritt zurück ins Leben, wenn Angehörige und Bahn nach 15 Jahren erstmals gemeinsam der Opfer gedenken. Und vielleicht wäre das früher auch nicht möglich gewesen - solange Bitterkeit und die Suche nach Schuldigen die Seelen vergifteten.
Ich habe damals selbst oft auf dem Hamburger Bahnhof auf den ICE aus München gewartet - voller Vorfreude, meine Freundin aus Bayern in die Arme zu schließen. Ich hätte - ebenso wie die Angehörigen der 101 Toten - vergeblich warten können und hadern mit dem "hätte". Hätte sie doch bloß einen Zug später genommen! Hätte die Deutsche Bahn doch nur den in Eschede zersprungenen Radreifen früher ausgetauscht! Hätte der Zugbegleiter doch die warnsignale ernster genommen und die Notbremse gezogen!
Aber zu den vielen "hätte" dieser fürchterlichen Katastrophe zählt eben auch, dass den Verantwortlichen die Risiken der gummigefederten Radreifen hätten bewusst sein müssen - die doch eigens montiert worden waren, um das Reisen bei Tempo 200 komfortabler und vibrationsärmer zu machen. Und was war denn wohl sicherer als dieser Hightech-Zug? In einem Flugzeug, ja, da haben wir alle schon mal an Absturz gedacht. Aber ein Zug? Eine Eisenbahn?
Die Bahn hat Konsequenzen gezogen, und wir Reisenden werden nie mehr befürchten müssen, dass an einem Hochgeschwindigkeitszug ein Radreifen birst. Aber eine Gewähr ist das nicht, dass Menschen nicht an anderer Stelle Fehler machen oder ein scheinbar unbedeutendes, kleines Rädchen im Getriebe bricht und großes Unglück auslöst. Wer hätte es vor Fukushima wohl für möglich gehalten, dass sämtliche Sicherheitsvorkehrungen eines modernen japanischen Kernkraftwerkes so fatal versagen?
Auch in unserer hochtechnisierten Welt ist absolute Sicherheit nicht nur Illusion, sondern Größenwahn. Der damalige Bundespräsident Roman Herzog verglich Eschede seinerzeit mit der "Titanic". Der Untergang eines angeblich unsinkbaren Schiffes - welch ein treffender Vergleich.
Ich hätte auch im ICE "Wilhelm Conrad Röntgen" sitzen können. Hätte gespürt, wie der Zug leise anfängt zu schwanken und dann immer heftiger schaukelt, Gepäckstücke durch den Waggon fliegen - und dann dieser fürchterliche Schlag, als 500 Tonnen Stahl, Glas und Aluminium mit 200 Stundenkilometern ungebremst gegen einen Brückenpfeiler prallen. Und ob ich zu 101 Toten gehört oder überlebt hätte - hätte allein an meiner Platzreservierung gelegen. Oder ob ich gerade einen Kaffee getrunken hätte im Speisewagen, der von der Betonbrücke völlig zerquetscht wurde. Zu mehr Demut mahnte Roman Herzog in seiner Trauerrede für die Opfer von Eschede. Weil wir uns stets darüber bewusst sein sollten, dass jede Reise unsere letzte sein kann - und dankbar sein für jede glückliche Heimkehr.
Im großen und ganzen gebe ich Ihnen ja recht. Mir aber etwas zu viel dessen, was es bedeutet, eine schlichte Reise zu machen und davon wieder zu kehren. In Ihrer Beschreibung wäre mir also das Wort... [mehr]