Kommentar

An guter Bildung arbeiten - auch ohne Studien

Wo herrschen die besten Bedigungen für gute Bildung in Deutschland? Forscher sind dieser Frage im Auftrag der Bertelsmann Stiftung nachgegangen, haben für den "Deutschen Lernatlas 2011" Rankings aufgestellt. Die Studie untersuchte dabei nicht nur das Lernen in Schulen, Hochschulen oder Betrieben, sondern auch persönliches und soziales Engagement der Bürger und Bildungsangebote für lebenslanges Lernen. Bei der Auswertung der Studienergebnisse landeten Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen im Mittelfeld, Mecklenburg-Vorpommern und Bremen sind Schlusslichter. Kann man aus diesem Atlas etwas lernen?

Ein Kommentar von Wolfgang Müller, NDR Info

Der Süden der Republik schneidet besser als der Norden ab, der Westen besser als der Osten: Das hat man alles schon mal gehört, aber das heißt nicht, dass man es damit gleich abhaken sollte. Das Ergebnis ist zugleich ein Arbeitsauftrag. Nur in welche Richtung? Sollten die Nord-Länder jetzt bei den Bayern und Schwaben in die Schule gehen und ihr Bildungssystem entsprechend umstellen? Volle Kraft zurück zu einem dreigliedrigen Schulsystem? Dann hätte man eines der Hauptergebnisse der Pisa-Studien vergessen. Denn dort liegen gerade Länder mit einem integrierten Schulsystem an der Spitze.

Nein, im Kern geht es nicht um die alten schulpolitischen Kämpfe und Glaubensfragen. Man kann auf verschiedenen Wegen erfolgreich sein, aber mit Sicherheit nicht, wenn man alle paar Jahre den Weg wechselt. Genau das war im Norden über Jahrzehnte der Fall. Vor jeder Wahl fragten sich Lehrer und Eltern, welcher bildungspolitische Erguss wohl diesmal über sie hereinbrechen würde. Mit dem Ergebnis, dass am Ende alle Beteiligten verunsichert und demotiviert waren.

Dieser schulpolitische Schleuderkurs ist inzwischen glücklicherweise weitgehend überwunden. Gymnasium plus Gemeinschaftsschule - dieses zweigliedrige Modell setzt sich im Norden durch, selbst in einem Land wie Baden-Württemberg geht der Trend in diese Richtung, und auch die CDU hat auf ihrem jüngsten Parteitag die Weichen entsprechend gestellt. Damit, man glaubt es kaum, zeichnet sich eine Art Schulfrieden ab, und das schier Undenkbare könnte Wirklichkeit werden: dass Lehrer und Schüler mal eine Weile in Ruhe arbeiten können. Denn Kontinuität ist einer der Schlüssel zum Bildungserfolg.

Ein anderer liegt darin, nicht die ganze Zeit nur auf die Schulen zu starren. Es klingt ein bisschen modisch, wenn diese Studie auch die Bedeutung des sozialen und des persönlichen Lernens betont. Gedöns, hätte vielleicht Altkanzler Schröder das genannt. Aber das, was jemand im Sportverein lernt, in einer politischen Initiative oder bei einer Hilfsorganisation - das ist für die persönliche Entwicklung oft entscheidend. Dort, wo man scheinbar gar nicht lernt, lernt man am meisten. Und so verwundert es nicht, dass in der Studie die Regionen gut abschneiden, in denen auch diese Strukturen des Engagements gut entwickelt sind.

Nur eines sollten wir beim Blick in all die Studien und Ranglisten nicht vergessen: dass auch sie nicht ohne Tücken sind. Beispielsweise ist es kaum drei Monate her, dass uns der sogenannte Bildungsmonitor erklärte, Mecklenburg-Vorpommern habe den Sprung ins Mittelfeld geschafft. Jetzt, in dieser anderen Studie, wird das Land wieder ganz hinten geführt. Geheimnisse der Statistik! Vielleicht wäre der größte Fortschritt, wenn es eines Tages gelänge, auch ohne neue Studie an einer guten Bildung zu arbeiten. So wie früher. Einfach so. Das wäre der eigentliche Schritt zum bildungspolitischen Erwachsenwerden.

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/info/programm/sendungen/kommentare/bildung187.html
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