Kommentar

Maschmeyers Abgang ist kein Befreiungsschlag

Carsten Maschmeyer, der Gründer und langjährige schillernde Star des Finanzdienstleisters AWD aus Hannover, zieht sich endgültig aus dem Geschäft zurück. Maschmeyer scheidet mit sofortiger Wirkung aus dem Verwaltungsrat des AWD-Mutterkonzerns Swiss Life aus. Gleichzeitig zeigen Recherchen von NDR Info und dem ARD-Magazin Panorama, wie der AWD unter Maschmeyer offenbar unrechtmäßig und auf dem Rücken der Kunden beim Verkauf von Finanzprodukten abkassiert hat.

Ein Kommentar von Jürgen Webermann, NDR Info

Jürgen Webermann © NDR Fotograf: Klaus Westermann Detailansicht des Bildes Jürgen Webermann meint in seinem Kommentar, dass der AWD jetzt endgültig und umfassend mit den Altlasten aufräumen müsse. Spätestens Anfang der Woche muss dem AWD und seinem Mutterkonzern Swiss Life klar gewesen sein, dass es an allen Ecken und Enden brennt. Erst ein Ermittlungsverfahren gegen den AWD in Österreich, und jetzt zeigen auch noch die Recherchen von NDR Info und Panorama, warum womöglich tausende Kunden eine Chance auf erfolgreiche Klagen gegen den AWD haben könnten. Die detaillierte Anfrage fand die AWD-Spitze am Montagvormittag auf dem Faxgerät. Sie deutete schon einmal an, worum es bei den Recherchen geht: Der Konzern hatte rund um seinen Börsengang im Jahr 2000 - so stellt sich das gerade dar - systematisch überhöhte Provisionen kassiert und zwischen Tochterfirmen aufgeteilt, ein System, das so bislang unbekannt war. Diejenigen, die das bezeugen, gehören genau zu denjenigen, die das Geschäft damals aufgezogen haben. Schwere Geschütze also. Dementsprechend hat Swiss Life wahrscheinlich im Vorfeld der NDR Veröffentlichungen lieber die Reißleine gezogen. Die Strategie lautete offenbar: Das Problem heißt Maschmeyer und es muss weg. 

Denn Maschmeyer hat inzwischen die Öffentlichkeit derart gegen sich aufgebracht, dass er tatsächlich nicht mehr haltbar war. Zu sehr hat er sich in seinem Glanz gesonnt, den großen Spender gegeben, den Boulevard bedient. Die Kunden aber, die reihenweise verschuldet sind, deren Altersvorsorgen sich in Luft aufgelöst haben, die Maschmeyers AWD einst vertraut haben - deren Probleme hat Maschmeyer stets als Einzelfälle heruntergespielt, fast schon verächtlich. Wichtige Mitarbeiter, die er früher angefeuert, sie zwischenzeitlich stark und erfolgreich gemacht hatte - die hat er fallen lassen. Wundert es also, dass das Pendel irgendwann zurückschlägt und Maschmeyer seinen Traum vom großen Zampano hinter den Kulissen begraben muss? Eher nicht. Swiss Life wird sich schon genug darüber ärgern, durch den AWD ständig in den Schlagzeilen zu stehen. Der Versuch, das Gesicht der Misere los zu werden, liegt da nahe.

Doch ein Befreiungsschlag ist das beileibe noch nicht. Denn was bleibt, sind tausende Klagen. Und - so sieht es gerade aus - die könnten Swiss Life und den AWD hunderte Millionen Euro kosten. Zu lange hat der Konzern auf Zeit gespielt und darauf gesetzt, dass die meisten Fälle einfach verjähren. Eine Strategie, die lange gut ging. Denn bei extrem komplizierten Fondsprodukten nachzuweisen, dass zum Beispiel auf dem Rücken der Anleger überhöhte Provisionen gezahlt wurden, hier mal eine Abschlussprovision, da eine Superprovision, hier noch ein zusätzliches Prozent Provision in einen Spezialtopf - das ist extrem schwierig. Endlich, kann man sagen, reden also diejenigen, die das System AWD damals rund um den Börsengang mitgestaltet haben. Deshalb könnte es gut sein, dass die Strategie des AWD nicht aufgeht. Viele Verbraucher haben längst neuen Mut gefasst, auch weil der Bundesgerichtshof inzwischen anlegerfreundlicher urteilt als früher.

Der AWD, der seine wilden Jahre eigentlich hinter sich hat, sollte deshalb auch von sich aus auf die Idee kommen, mit seinen Altlasten endgültig und umfassend aufzuräumen und endlich reinen Tisch zu machen. Sonst werden der Finanzdienstleister und seine Konzernmutter aus der Schweiz auch ohne Maschmeyer weiter in den Schlagzeilen bleiben.

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/info/programm/sendungen/kommentare/awd245.html
Autor

Jürgen Webermann

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