Althusmann soll Arbeit persönlich verteidigen
Die zuständige Fachkommission will den Kultusminister anhören. mehr
Kommentar
Ausgerechnet der Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Niedersachsens Kultusminister Bernd Althusmann (CDU), soll sich großzügig an fremdem geistigen Eigentum vergriffen haben. Seine Doktorarbeit besteht in solch großem Umfang aus Zitaten, dass ein Gutachten lakonisch meint: "Da bleibt wenig Platz für eigene Gedanken."
Ein Kommentar von Gerd Wolff, NDR Info
Irgendwann kommt alles heraus. Wer es nach den Fällen zu Guttenberg oder Koch-Mehrin noch nicht wahrhaben wollte, kann nun davon ausgehen: Schummeln schadet der Karriere. Bei den schwarzen Schafen in der deutschen Akademikerschaft geht die Angst um. Zu Recht. Verschärfte Kontrolle droht, vor allem für diejenigen, die mit ihren Titeln die Öffentlichkeit suchen. Das Internet macht‘s möglich.
Wir erleben eine ganz neue Form der politischen Auseinandersetzung. Wer viele Kritiker hat, kann schnell zum Untersuchungsgegenstand werden. Und der Dr. rer. pol. Bernd Althusmann hat einige Kritiker. Turbo-Abi, Gesamtschul-Streit, Stellenpläne, Unterrichtsversorgung, Lehrer-Ausbildung. Kaum ein Politikfeld bringt die Menschen in Niedersachsen derart gegeneinander auf wie das Thema Bildung. Hinzu kommt, dass Althusmann lange hinter seiner glücklosen Vorgängerin Heister-Neumann aufräumen musste. Auch der zuständige Arbeitskreis-Leiter in der CDU-Landtagsfraktion agiert häufig eher ungeschickt. Wenn Althusmann also nicht mehr zu halten wäre, hätte die niedersächsische CDU in der Bildungspolitik ein großes Problem.
Natürlich gilt auch für diesen Minister die Unschuldsvermutung. Es ist aber schon unangenehm genug: Der aktuelle Vorsitzende der Kultusminister-Konferenz muss sich dafür entschuldigen, dass er in seiner Doktorarbeit womöglich handwerkliche Fehler beim Zitieren gemacht hat. Althusmann nannte es eine "Krise", die er jetzt zu durchstehen habe. Er weiß, es ist ernst.
Althusmann hat zur Frage promoviert, wie Prozesse in der öffentlichen Verwaltung organisiert werden. Bis auf Weiteres ist er nun Teil eines öffentlichen Prozesses. Sein Fall ist dabei komplizierter als die Personalien zu Guttenberg und Koch-Mehrin. In der Doktorarbeit des niedersächsischen Bildungsministers wurde nichts hemmungslos kopiert. Hier geht es womöglich um subtilere Formen des Betruges, vielleicht aber auch nur um Schlamperei und mangelnde Sorgfalt. Der Minister kann nur hoffen, dass er möglichst bald nach der Sommerpause von den Prüfern der Universität Potsdam entlastet wird. In den anderen prominenten und weniger prominenten Fällen der jüngeren Vergangenheit hat das bekanntlich nicht geklappt.
Und wenn der zuständige Dekan tatsächlich den Daumen senkt? Dann haben wir am Mittwoch den Anfang vom Ende der nächsten ehemals hoffnungsvollen Karriere aus der Generation der Baby-Boomer erlebt. Jener Generation, die zwar in eine verheißungsvolle Computer- und Internet-Welt hineinwuchs, die aber zu spät lernte, dass ihr die vielen Möglichkeiten des Netzes auch zum Verhängnis werden können. Für das Kabinett McAllister wäre ein Rücktritt Althusmanns ein herber Verlust. Und die Opposition könnte dankbar sein für eine Steilvorlage im Kommunalwahlkampf.