Drei Tote bei landesweiten Protesten
Alle weiteren Infos zur Situation in Ägypten bei tagesschau.de.
Link in neuem Fenster öffnenKommentar
Nach den schweren Ausschreitungen in einem Fußballstadion in Ägypten richtet sich auf dem Tahrir-Platz in Kairo der Zorn der Bevölkerung gegen Polizei und Militär. Am Mittwoch waren 74 Menschen bei der schlimmsten Gewalt in der Fußballgeschichte seit 15 Jahren ums Leben gekommen. Will der Militärrat die Macht trotz Wahlen nicht abgeben?
Ein Kommentar von Hans Michael Ehl, Korrespondent in Kairo
Das alte Mubarak-Regime hat seine Fratze wieder gezeigt - kurz vor dem Jahrestag der legendären Kamelschlacht, als bezahlte Mörder mit Kamelen und Pferden Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo brutal niederknüppelten und niedermetzelten. Mindestens 75 Tote, manche Quellen sprechen inzwischen sogar von 300 - dazu 1.000 Verletzte gestern in Port Said. Und den Ägyptern ist klar: Das war keine übliche Gewalt zwischen Hooligans, das war inszeniert. Wenn man fragt, wer dahinter steckt, dann muss man sich an eines erinnern:
Der Oberste Militärrat Ägyptens besteht aus alten Mubarak-Kadern, sein Chef war jahrzehntelang unter Mubarak Verteidigungsminister. Bis in einzelne Formulierungen hinein: die gleiche Sprache wie unter Mubarak. Störenfriede wollen das Land destabilisieren und selbstverständlich kommen die aus dem Ausland. Nicht die Spur von Selbstkritik, nicht die Spur von Entgegenkommen gegenüber den berechtigten Forderungen der Menschen. Will man denen wirklich zutrauen, das Land von einer Diktatur in eine Demokratie zu führen, von einer Diktatur, von der sie persönlich profitiert haben, in eine Demokratie, in der die eigenen Privilegien vom Tisch gefegt werden?
Am Tag vor dem Massaker von Port Said hatte sich Bundesaußenminister Guido Westerwelle im ägyptischen Außenministerium in Kairo vor die Presse gestellt und den Ägyptern gratuliert - für ihre Fortschritte auf dem Weg zur Demokratie. Er vertraue dem Militärrat und der Regierung, den Weg in die richtige Richtung weiterzugehen. Das ist - vorsichtig gesagt - blauäugig, klarer gesagt: ein Schlag ins Gesicht der Opfer einer Diktatur, die schlimmer ist als die Mubaraks. Wäre Westerwelle eine Stunde länger geblieben und hätte auf die Straße geschaut, hätte er gesehen, dass wieder Tausende gegen den Militärrat demonstrierten und ein Ende der Diktatur forderten. Oder er hätte sich das Video angeschaut, dass die Aktionsgruppe "Lügner Armee" jetzt auf Kairos Straßen zeigt. Es zeigt Ausschnitte aus Pressekonferenzen von Militär und Regierung und schneidet dazwischen die Bilder grausamer Gewalt von Polizisten und Soldaten der vergangenen Monate. Dann hätte er gewusst, dass den alten Kadern im neuen Gewand nicht zu trauen ist.
Alles deutet daraufhin, dass die alten Mubarak-Eliten um ihre Position kämpfen - und die Militärs vorneweg. Vielen Ägyptern wird jetzt klar, dass mit Mubaraks Sturz und mit der Übergabe an das Militär der Bock zum Gärtner gemacht wurde.