Kommentar

Deutsches Sommermärchen 2010

Ein Kommentar von Jens Brommann, NDR Info

Die deutsche Wirtschaft läuft wie am Schnürchen - trotz Bullenhitze und WM-Fieber - oder vielleicht sogar deswegen. Sei’s drum: Die wirtschaftliche Stimmung ist prächtig, von Sommerflaute keine Spur. Deutschland erlebt ein neues Sommermärchen, ein wirtschaftliches anno 2010. Freuen wir uns, wir haben allen Grund dazu. Die Miesepeter und Bedenkenträger werden uns noch früh genug die möglichen düsteren Episoden dieses Wirtschaftsmärchens erzählen - und sie werden uns zurückholen aus der traumhaften Märchenwelt in den real existierenden Reparaturbetrieb einer tief abgestürzten, von Ängsten getriebenen Weltwirtschaft. Rechtzeitig: so können wir hoffen - so dürfen wir hoffen.

Doch ein Sommermärchen bleibt ein Sommermärchen. Denn wer hätte vor einem Jahr schon gedacht, dass die deutsche Wirtschaft heute so dasteht wie sie dasteht? Dass die deutschen Autobauer nach Ablaufen der Abwrackprämie dieses Jahr Sonderschichten fahren und satte Gewinne in den Geschäftsbüchern verbuchen können? Wer hätte es für möglich gehalten, dass sich die deutschen Maschinenbauer - das Aushängeschild unserer im Mark erschütterten Exportwirtschaft - so schnell wieder von dem Kollaps der Weltwirtschaft erholen würden? Und wer hätte vor einem Jahr darauf gewettet, dass die Arbeitslosenzahlen auf drei Millionen sinken und nicht auf vier Millionen steigen werden? Wohl kaum einer - eben deshalb erleben wir gerade ein schönes Märchen.

Die deutsche Wirtschaft ist weit widerstandsfähiger, als viele es ihr zugetraut haben. Manager, Gewerkschafter und Politiker haben besonnen und klug auf die Krisensymptome reagiert. Deutsche Unternehmen sind auf dem besten Wege, ihre alte Stärke und Wirtschaftskraft zurückzugewinnen. Vieles spricht dafür, dass die deutsche Wirtschaft dieses Jahr um zwei Prozent und mehr wächst. Sie hätte dann fast die Hälfte des Einbruchs aus dem Rezessionsjahr 2009 wieder wettgemacht.

Aber auch Sommermärchen gehen einmal zu Ende - ob ein Wintermärchen folgen wird, ist ungewiss - und ob die guten Geister die bösen Geister weiter in Schach halten werden ebenso. Denn natürlich schlummern auch im Sommermärchen manche Gefahren: die immens teuren staatlichen Konjunkturprogramme, die die Weltwirtschaft bislang am Laufen halten, aber demnächst auslaufen werden. Und die beklemmend hohe Schuldenlast, die weitere Staaten in den Staatsbankrott treiben könnte - vor allem dann, wenn noch mehr Banken als bisher vor einem Zusammenbruch gerettet werden müssen. Das alles ist möglich - über die Wahrscheinlichkeit lässt sich trefflich streiten.

Der größte Unsicherheitsfaktor ist und bleibt die weitere konjunkturelle Entwicklung in den USA. Doch die bisherigen Krisenerfahrungen haben gezeigt: Amerika ist nicht mehr die Konjunkturlokomotive für die Weltwirtschaft. China und Indien haben diese Rolle längst übernommen. Und die deutsche Wirtschaft ist stark und selbstbewusst genug, eigene Wege aus der Krise zu gehen. Das Sommermärchen 2010 zeigt es. 

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