Die Meinung

Fußball und Nation

von Cora Stephan

Sie sind mittlerweile in der Minderzahl, die Mahner und Warner, die Schlimmstes fürchten, wenn deutsche Fahnen geschwungen werden und jemand die Nationalhymne mitsingen kann. Gewiss, es gibt Idioten, die in Bastian Schweinsteiger den neuen Hitler entdeckt haben wollen und seltsame junge Menschen, die einem Libanesen in Berlin seine Deutschlandflagge missgönnen. Aber ansonsten ist auch die diesjährige Weltmeisterschaft wieder eine Party der Parteinahme - jedem die seine, weshalb man in Deutschland natürlich mit der deutschen Mannschaft träumte, fieberte und bangte, wogegen angesichts des eleganten Spiels unserer Elf ja auch wirklich gar nichts spricht.

Doch der Sport und seine Schönheit ist bei Weltmeisterschaften nicht die Hauptsache. Unsere Gegner wissen das am besten: Selbstredend hat Fußball etwas mit dem Kampf der Nationen und also mit dem jeweiligen Nationalcharakter zu tun. Darauf verstehen sich insbesondere die Engländer, und weiß Gott nicht nur jene, deren Horizont nicht über den der britischen Boulevardpresse hinausreicht.

Dort erkannte man im deutschen Rumpelfußball rollende Panzer und unterstellt uns noch heute die Sehnsucht nach einem Endsieg. Das ewige Hunnen-Bashing ist gewiss nicht sonderlich schlau und lässt jede tiefere Einsicht in das vermissen, was Deutschland heute darstellt. Doch in England ist man nun mal der festen Überzeugung, dass Fußball das zivile Gegenstück zum Krieg ist. Don´t mention the war? Genau. Reden wir also über den Krieg.

Für die Engländer steht Deutschland noch immer für Verlust, für den Beginn des Niedergangs des britischen Empire. Nicht der Zweite Weltkrieg, sondern der Erste Weltkrieg begründet das Trauma: von einem aufstrebenden, auftrumpfenden Deutschen Reich aus der Ära imperialer Größe gerissen worden zu sein. Das Deutschlandbild ist noch immer von jener britischen Propaganda von damals geprägt, die in den Deutschen Barbaren sah, denen die wichtigsten Tugenden englischer Zivilisiertheit nichts galten - wozu Regeln und Institutionen gehören.

Fußball galt als Synonym für regelrespektierende Fairness. Symbolisch nicht zu unterschätzen ist daher eine Begebenheit, die von der Westfront zu Weihnachten 1914 berichtet wird: die Briten, Deutschen und Franzosen spielten auf dem Schlachtfeld Fußball miteinander. Doch solche Verbrüderungen wurden schnell unterbunden.
Was blieb, ist der alte Streit zwischen Kultur und Zivilisation. Die Deutschen reklamieren Tiefe, die Briten setzen auf Formen. And never the twain shall meet.

Man hat sich in Deutschland heute angewöhnt, bei Klischees und Beleidigungen der anderen schuldbewusst wegzuhören. Doch beim Fußball traut man sich, auch mal mit ähnlicher Münze zurückzuzahlen: nein, unsere spielerische Nationalelf zeigt keinen gefühllosen, martialischen Powerfußball, wie er angeblich den Krauts und Teutonen eigen ist. Unsere Jungs sind keine Kampfmaschinen, sondern empfindsame junge Männer, denen ein genialer Trainer einen Gemeinschaftsgeist ohne Hierarchien und "Führerprinzip" nahegebracht hat.

Nach einem Rollkommando unter Rooney sah eher die englische Mannschaft aus und die Franzosen - seien wir doch mal ehrlich, bei aller deutsch-französischen Freundschaft: ihre Truppe von hochbezahlten Söldnern entwickelte keine Idee eines gemeinsamen Ziels. Schon gar nicht zündete der Funke jenes Nationalstolzes, der Franzosen noch immer daran hindert, mehr als eine, nämlich ihre eigene Sprache zu sprechen. Die französische Nationalmannschaft wirkte arrogant und verwöhnt und erinnerte insbesondere in England daran, dass Frankreich auch in Kriegsdingen die Angelegenheit lieber von anderen erledigen ließ. In Deutschland würde man natürlich noch nicht einmal denken, was ein englischer Fußballfan in Südafrika gesagt haben soll: "Die Franzosen ergeben sich früh, die Amis drehen spät auf, und wir bleiben übrig, um mit diesen blutrünstigen Deutschen irgendwie klarzukommen." Blutrünstig waren die am Ende gar nicht, eher mutlos und eingeschüchtert. Tja, die Hunnen sind auch nicht mehr, was sie mal waren.

Das bisschen Multikulti unserer Truppe, auf das Menschen mit Angst vor deutschem Nationalstolz und Sehnsucht nach einem "bunten Deutschland" so viel geben, sollte man allerdings nicht überbewerten. In die Nationalmannschaft kommt nur, wer überdurchschnittlich viel leistet. Das aber war schon immer ein äußerst integrationsfördernder Faktor. Die Botschaft ist also nicht, dass die Deutschen nun endlich weltoffen geworden wären. Die Botschaft lautet: Leistung lohnt sich.

Nun - don´t mention politics, schon klar: aber das zu mindestens könnte die Lehre sein, die der neue deutsche Fußball seiner Nation erteilt. Wir brauchen Power und Spielfreude, Ehrgeiz und Leistung, ein gemeinsames Ziel und ein starkes Zusammenspiel. Aber dazu fehlt uns offenbar der Trainer.

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