Interview

Trotz Eiswinter: "Klimawandel in vollem Gange"

Der  Kieler Klimaforscher Mojib Latif (Montage) © dpa Fotograf: Stephan Görlich, NASA Goddard Space Flight Cente Detailansicht des Bildes Mojib Latif arbeitet als Klimaforscher am IFM Geomar in Kiel. Es ist Winter, es ist kalt: Eigentlich ist also alles so, wie es sein soll. Dennoch lassen wir im Moment keine Gelegenheit aus, um über das Klima zu reden. Dabei ist die Rede doch eigentlich immer von Klimaerwärmung. Wie kommt es jetzt also plötzlich zu diesem Eiswinter? Fragen dazu an den Klimaforscher Mojib Latif vom IFM Geomar in Kiel.

NDR Info: Herr Latif, wie passt das also zusammen: Klimaerwärmung und Eiswinter?        

Mojib Latif: Man muss natürlich auch sehen, dass es nicht nur den menschlichen Einfluss auf das Klima gibt, sondern eben auch die natürlichen Klimaschwankungen. Und beides überlagert sich. Ich vergleiche das immer gerne mit dem gezinkten Würfel. Wir sind dabei, den Wetterwürfel zu zinken in Richtung wärmere Temperaturen. Aber solange der Würfel noch relativ schwach gezinkt ist, kommen eben auch noch mal die Eins oder die Zwei. Und prompt haben wir dann eben so kalte Tage.

NDR Info: Wirklich interessant war ja der schnelle Temperatursturz um 30 Grad, nämlich binnen kurzer Zeit von plus 15 auf minus 15. Sind solche Extreme denn noch normal?

Mojib Latif: Ja, im Prinzip schon. Denn in unseren Breiten ist es ziemlich einfach so einen Umschwung zu bekommen. Wir hatten ja diese sehr, sehr milden Temperaturen im Dezember, im Januar. Wir dachten schon, der Winter ist gelaufen. Aber eigentlich hängt das nur von der Windrichtung im Winter ab, wenn wir Westwind haben, dann kommt eben die Luft vom Meer, die ist milde. Wenn sie aber dann genau aus der entgegengesetzten Richtung kommt, von Russland, da sitzt eben das dicke fette Russland-Hoch, und da schlägt uns mal locker minus 10, minus 20 Grad und auch darunter.

NDR Info: So einfach ist das. Man kann sich irgendwie nicht mehr sicher sein. Einige Zeitungen schrieben kürzlich sogar von der Klimalüge: CO2, Treibhauseffekt - das sei im Grunde alles Unfug, die Sonne ist schuld. Was ist davon zu halten?

Mojib Latif: Davon ist natürlich gar nichts zu halten. Das sieht man ja schon alleine daran, wenn man sich die beiden Kurven anguckt für, sagen wir mal, die Zeit seit 1900, dann sieht man den allmählichen Erwärmungstrend in der globalen Temperatur. Wenn man sich aber die Sonne anguckt, dann steigt sie zwar auch an so bis 1930/1940, danach wird sie dann aber schwächer. Und den starken Erwärmungstrend während der letzten Jahrzehnte, den können wir überhaupt nicht über die Sonne erklären, weil, die hat sich eben genau umgekehrt verhalten.

NDR Info: Dieser Erwärmungstrend, Sie haben es gerade angedeutet mit gezinkten Würfeln. Wie groß ist der Anteil der Menschen an all dem? Sind wir wirklich alle Wettermacher?

Mojib Latif: Ja, im Moment ist der Anteil noch relativ gering. Aber er ist schon so groß, dass wir ihn nachweisen können. Und dass er gering ist, das ist ja eigentlich auch noch unser Glück. Noch haben wir es in der Hand gegenzusteuern, dass es eben nicht zu dieser sogenannten Klimakatastrophe kommt, wo dann unser Klima, unser Wetter wirklich außer Rand und Band gerät.

NDR Info: Und der einzige Weg dürfte sein, den CO2-Ausstoß zu verringern? Oder gibt’s da noch mehr?

Mojib Latif: Das Wichtigste ist natürlich der CO2-Ausstoß, der ist mit 60 Prozent Anteil an der globalen Erwärmung der letzten Jahrzehnte dabei. Der Rest geht dann vor allen Dingen auf Methan, auf die berühmten FCKW  und auf einige andere Gase zurück. Aber ohne CO2-Reduzierung werden wir das Problem nicht lösen können.

NDR Info: Dennoch bleiben wir heute mal kritisch: Heiße Sommer mit heftigen Unwettern und milde Winter. Nicht wenige Wissenschaftler haben gesagt, so werde es sich künftig einpendeln. Der vergangene Sommer war aber einfach nur verregnet und dieser Winter ist eisig. Nennen Sie uns doch bitte mindestens eine Tatsache in Bezug auf den Klimawandel, die Sie für unumstößlich halten.

Mojib Latif: Wir müssen eben langfristig gucken. Wenn wir das tun, dann können wir den Klimawandel gar nicht missen. Ich möchte drei Dinge nennen: Erstens, die globale Temperatur ist seit 1900 um ein knappes Grad angestiegen. Das macht die Natur nicht von sich aus. Zweitens, als Folge davon schmilzt das Eis der Erde. Alleine das Packeis in der Arktis ist um 30 Prozent während der letzten 30 Jahre zurückgegangen. Und Drittens, der Meeresspiegel steigt. Um knapp 20 Zentimeter ist er schon angestiegen seit 1900. Und das sind einfach drei unumstößliche Anzeichen dafür, dass der Klimawandel im vollen Gange ist.

Das Interview führte Dominik Lauck, NDR Info

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/info/programm/sendungen/interviews/klima187.html
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