Das Forum
Rieseby - Ein Dorf gegen Rechtsextremismus
Demonstration in Rieseby
Sie werden immer dreister und aggressiver- und sie werben raffiniert und gezielt bei Jugendlichen für ihre braunen Ideen: Rechtsextremisten in Norddeutschland. Auch und gerade in Schleswig- Holstein ist das so, wie Innenminister Ralf Stegner kürzlich betont hat. Ein Beispiel dafür ist die Gemeinde Rieseby in der Nähe von Eckernförde. Seit mehr als eineinhalb Jahren sind dort Kader der rechtsextremistischen NPD aktiv. Als sie auftauchten, wollte es im Ort selber zunächst kaum jemand wahrhaben. Nach und nach aber regte sich Widerstand. Inzwischen gibt es sogar einen festen Arbeitskreis, aus Eltern, Lehrern, Geschäftsleuten und auch Politikern, der sich ausschließlich um dieses Problem kümmert. Ein Dorf zeigt Mut gegen Rechtsextremisten.
Das hat Rieseby so noch nicht erlebt: die größte und lauteste Demonstration in der Geschichte der 2.600- Seelen-Gemeinde. Ein bunter Zug aus rund 500 Menschen zieht an einem der letzten sonnigen Sommertage gegen Rechtsextremismus durch die Straßen des Ortes. Angeführt wird der Zug vom sogenannten schwarzen Block- etwa 250, meist zugereiste Demonstranten, von denen viele ihre Gesichter hinter dunklen Sonnenbrillen verbergen. Dahinter aber ebenso viele ganz in Zivil und mit offenen Gesichtern demonstrierende Menschen aus Rieseby und Umgebung. Einer von ihnen hat sogar seine Kinder mitgenommen zur Demo: "Um ein Zeichen zu setzen, hier und überall gegen Nazis - und um vor allem meinen Kindern das zu zeigen, weil es mir wichtig ist, dass sie von früh auf an wissen, um was es geht. Und das kriegen die schon ganz gut mit."
Rieseby kam in die Schlagzeilen
Es ist der bisherige Höhepunkt einer wechselvollen Entwicklung, die Rieseby in den vergangenen 18 Monaten durchmachen musste, seit die Mutter eines damals 15 Jahre alten Schülers Nazi- Lieder und Hetzparolen auf der Computer- Festplatte ihres Sohnes fand. Hilfesuchend wandte sie sich damals an den Schulleiter, der einen Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus gründete. Lange war im Dorf umstritten, wie man mit dem Thema umgehen soll. Mehrfach kamen NPD-Kader nach Rieseby, um Jugendliche zu ködern. Rieseby geriet in die Schlagzeilen. Von einem Nazi-Dorf war da zu lesen. Dass dem nicht so ist, beweisen die Riesebyer bei der Demonstration an diesem Nachmittag. Auch die stellvertretende Bürgermeisterin, Dorit Indinger ist bei der Demo dabei. Ihr ist es recht, wenn das Thema offen angesprochen wird.
Dorit Indinger: "Je mehr Öffentlichkeitsarbeit in dieser Sache gemacht wird, je mehr wird aufgearbeitet. Und je mehr Leute sich damit befassen, desto mehr Leute wissen, dass so etwas nicht wieder geschehen darf."
Wie Dorit Indinger denken an diesem Tag offenbar viele in Rieseby. Wenige Tage vor der Demo hatten Rechtsextremisten Flugblätter im Dorf verteilt. Flugblätter, in denen einzelne Dorfbewohner gezielt beleidigt und subtil bedroht worden. Ein Riesebyer fand das Blatt in seinem Briefkasten.
Ein Riesebyer: "Derjenige, der dort diffamiert worden ist, kann sich nicht wehren. Das sind so Sachen, die greifen hier Raum- und deswegen bin ich hier."
Rechtsextemisten machen sich auch an diesem Tag bemerkbar. Einer von ihnen reißt vom Balkon den Arm zum Hitlergruß empor, als der Zug an seinem Haus vorbeikommt. Eine strafbare Handlung, auf die die Polizei augenblicklich reagiert - unter anderem mit einer Strafanzeige. Doch auch einige wenige im sogenannten schwarzen Block sorgen durch ihr Verhalten für schlechte Stimmung: Als das Fernsehteam des Norddeutschen Rundfunks die Demonstration filmen will, wird der Kameramann mit unflätigen Worten beschimpft. Der NDR Inforeporter wird mit körperlicher Gewalt bedroht, als er zu Dokumentationszwecken ein Übersichtsfoto schießen will.
NDR Info und das NDR Fernsehen haben Rieseby bei seinem Kampf gegen Rechtsextremisten ein halbes Jahr lang begleitet. Der Bericht darüber ist heute Abend ab 20.30 Uhr im Forum auf NDR Info zu hören. Die Reportage "Ein Dorf zeigt Mut" sendet das NDR Fernsehen heute Abend um 22.30 Uhr
Feature von Andrea Jedich und Stefan Schölermann
Sendunf am 5. September 2007, 20.30 Uhr