Auf ein Wort

Warum sehen "Germans" nicht mehr deutsch aus?

von Carsten Schmiester

Dass ausgerechnet der Fußball Deutsche und Briten einmal näher zusammenbringt, hätte nach dem Wembley-Tor von ‘66 kaum einer für möglich gehalten, aber genau so ist es gekommen.

Beim "Sommermärchen", der WM von 2006, genau 40 Jahre nach dem Treffer, der keiner war, hatten auch britische Besucher gemerkt, dass aus "bad old Germany" "good new Germany" geworden ist. Dass wir nicht länger verbohrte Strammsteher und weit über die Schwachsinnsgrenze hinaus sture Regelbefolger sind, dass wir stattdessen den uns bis dato nachgesagten rücksichtslosen Egoismus zugunsten von Offenheit und Gastfreundschaft abgelegt haben. Sowas hat Folgen: Immer mehr "brits" zieht es ins ehemalige "Reich des Bösen".
Natürlich nur nach intensiver Lektüre vieler neu erschienener Reiseführer, die speziell für britische Deutschlandnovizen geschrieben worden sind und sie auf ein Land voller Überraschungen vorbereiten. Titel wie "Germany for Dummies", Deutschland für Doofe, oder "Culture Shock Germany", Kulturschock Deutschland, sagen Alles: Eine Reise zum Mars ist nichts gegen einen Kurztrip nach München oder Hamburg oder Berlin. Dass bei uns "on the wrong" side gefahren und gelaufen wird, also rechts statt links, irritiert Briten ebenso wie der Besuch einer deutschen Toilette. Bei der weiss man ja angeblich nie, wie die Spülung betätigt wird. Der Ratschlag: Drücken oder schlagen sie auf oder gegen alles Mögliche an der Wand, ziehen sie an irgendwelchen Strippen, suchen sie nach einem Fusspedal oder winken Sie, falls es einen Bewegungssensor gibt - mit der Hand natürlich! Dass viele Briten da schon mal aufgeben und abhauen, sei ihnen verziehen.

Apropos abhauen, das tun sie auch in öffentlichen Parks beim Anblick halb oder ganz nackter Sonnenanbeter. Einfach "too shocking", wie auch die Tatsache, dass die "Germans" ihre sichtbare Körperbehaarung - Zitat - wohl eher züchten als zupfen - und, "my goodness", ganz ohne Badehose oder -anzug in die Sauna gehen. Kein Wunder, dass solche Leute nichts vom Teekochen verstehen. Also: Weichen sie auf Kaffee aus und haben sie auch beim Bestellen einer Currywurst nicht zu hohe Hoffnungen. "Curry" steht auf der richtigen Seite des Kanals für superleckere asiatische Gerichte, mit denen es die deutsche Wurstikone tatsächlich nicht aufnehmen kann, es aber ja gar nicht will.

Vorsicht auch in der Kneipe! Anders als im "pub" bleibt man in Deutschland am Tisch sitzen, zahlt die Zeche hinterher und kauft nicht erst sein Bier, um dann damit frei herumzulaufen. Das, so steht‘s in einem der Führer, fesselt einen am Platz, behindert die Kontaktaufnahme, entspricht dem deutschen Charakter - und verhindert weitere Missverständnisse?! Unsere britischen Gäste werden ausdrücklich davor gewarnt, ihre beiden Lieblingsthemen im "smalltalk" mit den "neuen" Deutschen anzusprechen: Den II. Weltkrieg und das WM-Finale von 1966. Was immer mehr Briten bei allem bleibenden Befremden beachten. Es gibt schließlich längst neue Kriege, die man gemeinsam verabscheuen kann, und auch die Sache mit dem Wembley-Tor ist seit Lampard‘s nicht gegebenen WM-Achtelfinaltreffer gegen uns gegessen!

Ausgleichende Un-Gerechtigkeit eben, Schwamm drüber, es gibt Wichtigeres zu besprechen: Wie man sicher auf einer Biergartenbank sitzenbleibt, wenn am anderen Ende jemand aufsteht, warum sich wildfremde Leute hier zwar die Hände schütteln, aber nicht mit Vornamen ansprechen, wo all‘ die Dirndl-Kleider geblieben sind und - ganz generell - wie es eigentlich kommt, dass kaum ein "German" noch "richtig deutsch" aussieht!

Das fällt jedenfalls einem der Reiseführer auf. Wir wollen jetzt nicht über dieses "richtig deutsch" grübeln, fest steht: Es gibt offenbar wenigstens ein dämliches Klischee weniger und allein dafür: Thank you, dear friends!

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