Auf ein Wort

Die nationale Streusalz-Reserve

von Marcel Güsken

Ach, wie flüchtig ist doch vieles in der Politik. Finanzkrisen kommen und gehen, Koalitionen werden geschmiedet und zerbrechen wieder, all dies begleitet vom vielstimmigen Chor der politischen Erklärungen, Forderungen und Dementis. Selten nur erhebt sich über dieses Geschnatter der Tagespolitik eine klare Stimme, die auf das Wesentliche hinweist. Wie auch heute wieder. Was wir wirklich brauchen, hat der FDP-Abgeordnete Patrick Döring erkannt, ist eine nationale Streusalzreserve.
Nationale Streusalzreserve. Mit der ganzen Wucht seiner visionären Weitsichtigkeit ist dieser Begriff im politischen Berlin eingeschlagen. Nicht weniger als eine geistig-moralische Wende in der Streu-Politik fordert der liberale Abgeordnete, ganz im Sinne seines Parteivorsitzenden. Das Salz als nationale Aufgabe: Einige mögen bei diesem Begriff an die Mond-Besiedlung denken oder die vollständige Abschaffung aller Talkshows. Aber was ist das schon gegen die Durchsetzung der allgemeinen Streupflicht.
Das Streusalz als nationale Aufgabe: Schon wegen der Brisanz des Themas dürfte sich daraus eine muntere politische Debatte entwickeln. Kanzlerin Merkel arbeitet sicher längst an einer TV-Ansprache. Die Deutschen wird sie zu mehr Miteinander in der Streusalzpolitik aufrufen Jeder Deutsche soll das Salz für sein Frühstücksei einsparen und der guten Sache zukommen lassen: Ein nationaler Streusalz-Plan.

Die Opposition ist alarmiert. Die SPD verlässt sich auf eingeübte Parteistrategien und reagiert - gespalten. Während der Fraktionsvorsitzende Steinmeier die Kontinuität in der Streusalz-Politik betont, fordert der Parteivorsitzende Gabriel gesalzene Oppositionsarbeit. Man einigt sich auf die Einsetzung einer Kommission, und künftig zerfällt die Partei in zwei Flügel, die sich erbittert bekämpfen: Auf der einen Seite die " Sozialdemokraten für das ungesalzene Frühstücks-Ei" auf der anderen die ASF, die "Arbeitsgemeinschaft Salzfreunde in der SPD".
Die Grünen fordern mehr Nachhaltigkeit in der Streusalzpolitik. Erst wenn das letzte Salz gestreut ist, werdet Ihr merken, dass man Frühstückseier auch ohne essen kann, deklamiert die Parteivorsitzende Roth mit bebender Stimme und verweist auf eigene Anstrengungen. Wenn man aus allen Tränen, die sie bei öffentlichen Auftritten geweint habe, das Salz herausdestilliere, sei das Versorgungsproblem ein für alle Mal gelöst, und zwar in der gesamten EU, sagt Claudia Roth, und keiner widerspricht.

Nur die Linke hält sich zurück. Ein bisschen lahm geißelt der Fraktionsvorsitzende Gysi die Profitgier der turbokapitalistischen Salz-Industrie, verweist aber unter der Hand darauf, dass das wenige vorhandene Salz intern dringend gebraucht wird. Um es in die Wunden der Parteifreunde zu streuen.

So könnte sie ablaufen, die Debatte über die nationale Streusalzreserve. Was uns vor allem eines lehrt: Es gibt keinen Unfug, der nicht irgendwann auch mal gefordert wird, eine politische Grundregel, die Fachleute auch als "Hinterbänkler"-Theorem bezeichnen. Bald schon werden sich Politiker für die Abschaffung des Winters aussprechen. Hatte man uns nicht die Klima-Katastrophe versprochen, werden sie kritisieren und eine Tauwetter-Verordnung anmahnen, die deutliche Plusgrade spätestens ab Januar vorschreibt. Und spätestens jetzt bleibt uns nichts, als solchen politischen Sachverstand zu bewundern und aus vollem Herzen zuzustimmen: Endlich Schluss mit dem Schnee!

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