Ein Bürgermeister will in die Schlager-Charts

von Detlev Gröning, NDR Info

Schlagersänger Peter Rist © dpa picture alliance Fotograf: Jan Zawadil Detailansicht des Bildes Hey, was geht ab? Peter Rist ist nur auf der Bühne so richtig in seinem Element, nicht aber am Schreibtisch im Rathaus. Na bitte, es geht doch auch ohne Dieter Bohlen. Hier geht einer den geraden Weg: Erste Selbstversuche am Badezimmerspiegel, danach eine perfekte Peter-Maffay-Imitation vor Kollegen mit dem Edding-Mikrofon, und dann der erste Auftritt beim Amtswichteln im Ratskeller. Da, wo nach der vierten Zugabe die eisige Kargelmeier vom Liegenschaftsamt tränenüberströmt um ein gemeinsames Kind flehte. Das liegt nicht nur an der juvenilen Mixtur aus frühem Westernhagen und einem bronzezeitlichen Michael Holm, nein, da braucht´s auch die feine Balance zwischen leichtlebiger Animation und textlichem Tiefgang, also zwischen dem "Schalala" für den beschwipsten Mädelabend und dem "unendlich frei" des Reihenhausflüchtlings, der weiß, dass irgendwo hinter dem Horizont der Kommunalbilanzen noch ein anderes Leben auf ihn wartet. Zwar hat die Musikindustrie noch jeden Tramp mit der Gitarre irgendwann eingefangen und in 150 Vertragsklauseln eingemauert, jedoch verlangt die Zielgruppenakzeptanz im Vorwege eine trotzige Absage des Künstlers an Bankbonität und Brillenbeihilfe.

Die lauteste Begleitmusik wird übrigens von der Presse gespielt. Ein Verwaltungsfachwirt, ein städtischer Rechenschieber, ein Erbsenzähler mit Versorgungszusage und erdbebensicheren hundert Riesen im Jahr will das Erbe von Drafi Deutscher und Rex Gildo antreten?! Ist es denn zu fassen? Sollte das tatsächlich erlaubt sein, dann werden wir ihm doch gleich mal ein paar launige Fragen stellen. Ob er die Anträge in der Ratsversammlung vorsingt oder mit Hüftschwung ins Büro kommt. Kein Gedanke, dass es womöglich ausgerechnet ein Verwaltungswirt ist, der die elterliche Vorgabe "lern erst mal was Anständiges" im Dienste der Showkarriere sachdienlich umsetzt. Da geht einer auf die Bühne, der die Sperrstunden kennt, seine Auftritte sauber durchkalkuliert; einer, der eben nicht am Ende des Tages hinter irgendeiner Bühne vom Finanzamt taschengepfändet wird, weil er sich unter "GV" wirklich alles vorstellen konnte, außer "Gewinn- und Verlustrechnung".

An so einem prallt auch die Frage ab, ob seine Musik womöglich Ohrenkrebs auslösen könne, wie ihm von irgendeiner Medienkorona herab attestiert wurde. Wer im Stadtrat für Finanzen zuständig ist, hat schon ganz andere Anwürfe überhören müssen, und solange ihm das Publikum nicht den Pofalla gibt, wird er seine Fresse, pardon, sein Mundwerk mit gleichem Recht in den Dienst des Schlagers stellen wie einige andere, deren Namen hier ungenannt bleiben. Nur soviel: Vieles von dem, was da in Fernsehgärten und Abendstadeln die Stimme erhebt, wäre schon beim Casting im örtlichen Rathaus durchgefallen. Schade, dass sich im Gegenzug eine Schlagerkarriere nicht umkehren lässt. Sonst würde man denen zurufen: Wir hätten da was für Euch! Stadtkämmerer in Reutlingen. Da wird demnächst ´ne Stelle frei.

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/info/programm/sendungen/auf_ein_wort/schlagersaenger101.html
Infos im Netz

Informationen über Konzerte des Schlagersängers und mehr.

Link in neuem Fenster öffnen
Sendung
Buchstaben aus bunten Nudeln rieseln von einer Hand © dpa-Zentralbild Fotograf: Jan-Peter Kasper
 

Auf ein Wort

Aktuelle Themen mit einem Augenzwinkern beleuchtet auf NDR Info. mehr

Sendetermin

Auf ein Wort wird montags bis freitags um 18.25 Uhr gesendet und als Wiederholung in den NDR Info Standpunkten um 20.50 Uhr.