Pommes von 1990: Kunst oder kann das weg?

von Lena Bodewein, NDR Info

Pommes Frites mit Ketchup © picture-alliance/OKAPIA KG Fotograf: Manfred Bail/ Detailansicht des Bildes Lecker: Es soll nicht wenige Menschen geben, die sich jeden Tag eine Portion Pommes Frites einverleiben. Viele Menschen, vor allem im Ruhrgebiet, sind der Meinung: So ne "gepfleechte Pommes Schranke" ist wahre Kunst. Wer die einfach wegwirft, kriegt im Zweifelsfall aufs Maul oder zumindest Ärger. Egal, wie alt die frittierten Kartoffeln sind. Zwei Minuten, zwei Tage oder zwei Jahrzehnte - was zählt, ist die Idee Pommes. Immer gute Sache, das. Und wer sagt: Iiiih, die sind doch ganz ranzig - das kann auch bei ganz frischen Portionen passieren, denn das liegt nicht wirklich am Alter der Pommes, nur an der guten Reife des Frittier-Öls. Das ist wie bei Wein - je älter, desto wertvoller.

Die Belgier wissen das, in Belgien sind die Pommes Nationalheiligtum, sakrosankt quasi, da lassen sie nichts drauf kommen, außer Soße natürlich. Die haben auch, analog zum Urmeter, eine Ur-Pommes, an der werden alle anderen gemessen. Und die ist erstmal alt, da sind zwanzig Jahre gar nichts.

Der goldene Abguss zweier Pommes Frites. Ein Kusntwerk von Stefan Bohnenberger. © dpa bildfunk Fotograf: Frank Leonhardt Detailansicht des Bildes Nach 22 Jahren hätten die Pommes-Frites-Originale sicher nicht mehr so knackig ausgesehen wie das nach ihnen gefertigte Kunstwerk. So alt aber sind die Pommes, um die es hier geht, die Vorlage für eine Skulptur, ein goldenes Kreuz aus Pommes, Pommes Golgatha sozusagen. Ob die ollen Dinger nun wirklich Kunst sind oder nicht, hat das Gericht in seinem Urteil offen gelassen. Aber wertvoll seien sie so oder so gewesen, denn eine Kunstfreundin hätte diese Skulpturen-Vorlage in Öl, in gutem Frittieröl, gerne gekauft. Und das eröffnet nun ganz neue Möglichkeiten. Vor allem für die Faulpelze und Chaoten unter uns, die sich jetzt als verkannte Künstler geben dürfen: Schimmelige Pizzareste in durchgefetteten Kartons, schrumpelige Gurken, pechschwarze Bananen - vergessene Lebensmittel sind ab jetzt Kunst. Biotonne also nicht zu früh leeren, wer weiß, was für Werte sich da noch verbergen. Wer das Geschirr seit Wochen nicht abgespült hat, kann sich fröhlich darauf berufen, dass hier ein großes Werk entsteht - das mit etwas Glück auch noch ein Sammler kauft. Jeder Aufräumfreund und Putzwütige sollte sich hüten - so viele Werte sind schon zerstört worden, Skulpturen von Beuys oder Kippenberger weggeschrubbt und fortgeschmissen, also lieber Finger weg von allem, was wie Schmuddel, Sperrmüll oder Schmier aussieht.

Und wenn es nicht Kunst ist, dann dient es der Wissenschaft: Alexander Fleming hat schließlich das Penizillin auch nur deshalb erfinden können, weil er seine gammeligen Bakterienkulturen nicht aufgeräumt hat, bevor er in den Urlaub fuhr. Kann man sich auch ein Beispiel dran nehmen - es können ja schließlich noch tolle Medikamente in Ihren alten Lasagne-Resten schlummern. Dürfen Sie nur nicht Ihren Kindern verraten, die räumen dann nie mehr ihr Zimmer auf, im Leben nicht. Alles im Namen von Kunst und Wissenschaft.

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Autorin
Lena Bodewein © ARD
 

Lena Bodewein

Lena Bodewein arbeitet bei NDR Info als Redakteurin in der Kulturredaktion.

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