ARD-Hörfunkstudio Stockholm
Der Korrespondent in Stockholm ist Albrecht Breitschuh (NDR). mehr
Der amtierende Weltmeister im Schwergewichts-Boxen Muhammad Ali (l.) verteidigt am 22. November 1965 seinen Titel gegen Floyd Patterson in Las Vegas.
Meine erste Begegnung mit Muhammad Ali war eine große Enttäuschung. Juni 1976. Ali hatte in den Jahren zuvor Box-Schwergewichte wie Joe Frazier, George Foreman oder Ken Norton gedemütigt und dabei den Faustkampf als hohe Kunst zelebriert: "Schwebe wie ein Schmetterling, steche wie eine Biene", beschrieb er seinen Stil, jetzt sollte zur Abwechslung mal ein Ringer dran glauben, ein Japaner namens Antonio Inoki. Die Voraussetzungen für ein Spektakel hätten nicht besser sein können, denn die beiden Kämpfer hatten nicht vor, dem Publikum mit Leichtigkeit oder Tänzeln zu kommen: Ali kündigte an, Inoki die Knochen zu brechen, der wiederum stellte dem Box-Champ in Aussicht, Hackfleisch aus ihm zu machen. Was man eben so erwarten durfte für insgesamt zehn Millionen Dollar Gage.
Klar, dass ich an diesem Juni-Tag kurz vor Sonnenaufgang vor dem Schwarz-Weiß-Fernseher hockte. Die folgenden 60 Minuten waren dann in etwa so aufregend wie Minigolf oder Dressurreiten und auch kaum blutiger. Ali kreiste die ganze Zeit um den auf dem Rücken liegenden Inoki, rief immer wieder "One punch only", bekam aber nie die Gelegenheit zuzuschlagen. Der Japaner wiederum trat seinem Kontrahenten von Zeit zu Zeit in den Hintern oder in die Beine. Zwar blutete Ali ein bisschen, aber von Hackfleisch konnte ebenso wenig die Rede sein wie von gebrochenen Knochen.
Immerhin wusste ich nun, dass der "Größte" vor allem die größte Klappe hatte. Was Ali auch nie bestritt und Teil seines Charismas war: "Ich bin der Größte", posaunte er einmal, "und das habe ich schon gesagt bevor ich wusste, dass ich es tatsächlich bin." Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung nennt man so etwas wohl. Doch auch dem "Größten" war es nicht beschieden, den richtigen Zeitpunkt für das Ende seiner aktiven Zeit zu wählen. Als Ali 1980 gegen Larry Holmes noch einmal Weltmeister werden wollte, hatte er es nur der respektvollen Zurückhaltung seines Gegners zu verdanken, dass er nicht auf die Bretter geschickt wurde. Sein "Großmaul" war endgültig gestopft, wie nicht wenige Beobachter zufrieden anmerkten.
Dass er trotzdem einmal zu zeitloser Größe aufsteigen würde, war damals nicht abzusehen und hat nicht unwesentlich mit der bei ihm schon gegen Karriereende ausbrechenden Parkinsonschen Krankheit zu tun. Der sich lange Zeit für unbesiegbar Wähnende war plötzlich hilfsbedürftig und schwach und versteckte diese Schwäche nicht. Unvergessen, wie Muhammad Ali mit zittriger Hand bei den Olympischen Spielen in Atlanta die Flamme entzündete. Heute, an seinem 70. Geburtstag, geht es ihm angeblich schlechter denn je. Parkinson im Endstadium, sagen seine Ärzte. Und bevor jetzt die Metapher von seinem schwersten Kampf bemüht wird, sei lieber auf seine Triumphe im Boxring verwiesen. Die gibt es längst auf DVD. Und um sie zu sehen, muss man nicht mal mehr den Wecker stellen.