Jens-Peter Marquardt
Eine Kurz-Vita des Leiters der Programmgruppe Politik und Aktuelles. mehr
Beklagt die Meise im Garten der nordkoreanischen Botschaft in Berlin mit ihrem Gesang den Tod des Führers Kim Jong Il?
Die Meise zählt zu den bekanntesten und beliebtesten Vogelarten in unseren Gärten. Wir bauen für sie gern Vogelhäuschen und hängen Futterringe auf, damit sie gut durch den Winter kommt. Meisen sind nämlich sogenannte Standvögel, die nicht in den Süden ziehen, sondern uns auch an grauen Wintertagen mit ihrem charakteristischen Ruf "Zizibäh, Zizibäh" erfreuen. Was wir bisher nicht wussten, ist, dass sie Kondolenzbesuche machen und freundliche Beziehungen zum bösen Nordkorea pflegen.
Doch genau das hat eine Meise jetzt getan: Kaum hatte sich auch im Tierreich die Nachricht vom Tode des geliebten Führers Kim Jong Il verbreitet, flog eine Meise zur nordkoreanischen Botschaft in Berlin-Mitte und verharrte dort eine Stunde vor dem Tor. Ob in stiller Trauer oder begleitet von "Zizibäh, Zizibäh"-Rufen ist nicht überliefert. Eigentlich wäre dieser Ruf der Meise ja auch unpassend, weil zu fröhlich, vielleicht galt er aber schon dem neuen großen Führer - denn Nordkorea hat die Nachfolgefrage im Handumdrehen gelöst und den Sohn Kim zum neuen Führer ernannt, das hat Tradition bei den Kims. Ein "Zizibäh, Zizibäh" auf Kim Jong Un.
Ein bisschen irritiert sind wir aber schon. Dass unsere possierliche Meise ausgerechnet um den Herrscher im Reich des Bösen trauert, gibt zu denken. Um den Mann, der mit der Atombombe spielte, ständig die Südkoreaner ärgerte, Dissidenten in Arbeitslager sperrte und sein Volk hungern ließ. Hätte sich die Meise nicht jemand anderen aussuchen können? Jopi Heesters vielleicht? Man wundert sich über die Wunder der Natur: gleich neben der nordkoreanischen Botschaft fing auch noch eine Blume an zu blühen, was aber möglicherweise eher auf den außergewöhnlich milden Winter als auf eine besondere Nähe der Blume zur nordkoreanischen Führung zurück zu führen ist.
Wunder gab es jedenfalls immer wieder in der schillernden Geschichte Nordkoreas. Das Leben des verstorbenen Kim Jong Il war eigentlich ein einziges Wunder. Einmal, so die offizielle Geschichtsschreibung, habe er in jungen Jahren in einem Atlas das feindliche Japan mit schwarzer Farbe übermalt. Daraufhin seien die japanischen Inseln von sintflutartigem Regen überflutet worden. Das war noch vor Fukushima. Kim Jong Il vollbrachte auch außerhalb der hermetischen Grenzen seines Reichs wahre Wunder. Bauern aus dem befreundeten Tansania sollen den Zauberer aus Nordkorea um Hilfe gebeten haben, weil ihre Ernte vom Regen zerstört wurde. Kim sprach ein Machtwort - der Regen hörte auf. Später hat er vier Drachen gezähmt, die er dann als Bulldozer einsetzte, um das Industriegebiet von Nampo auszuheben.
Wer so viele Wunder vollbringt, der darf auch eine Meise haben.