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Fragen nach dem Sinn des Lebens beantwortet jetzt auch der Philosoph Karl Lagerfeld.
Sie haben es schwer: diese Menschen, die so einzigartig sind, so großartig, die so hoch über allen anderen schweben, dass es schon körperlich weh tut. Ihnen und den anderen. Was sollen, was können sie tun, um dem Fluch der eigenen Größe zu entgehen? Banalisierung ist eine Möglichkeit. Selbstbanalisierung. Das hat Karl Lagerfeld einige Jahrzehnte lang versucht. Er läuft als Heino-Imitator durch die Gegend, beschäftigt sich hauptberuflich mit der Verhüllung von menschlichen Körpern und der Inszenierung seiner selbst und ist so der perfekte Inbegriff der Belanglosigkeit.
Allein: So hervorragend er die Banalisierung seiner selbst betreibt, die Menschen lohnen es ihm nicht. Sie halten daran fest, ihn für etwas Bedeutendes zu halten, weil sie hinter der Banalisierung eine ganz besondere, mit Bedacht versteckte und geheim gehaltene Bedeutsamkeit vermuten. Also werden ihm, vor allem von einer bestimmten Sorte Journalisten, allerlei Fragen gestellt, die über die Banalität des Lagerfeld-Seins weit hinausgehen. Fragen nach dem Sinn des Lebens, dem Sein als solchem, nach Hinz und Kunz und der Merkel und dem Papst. Was soll er machen? Er muss antworten, so oder so, denn auf die Meinung der Massen ist er irgendwie angewiesen, weil ja doch irgendwer das Zeug kaufen soll, das er produziert. Immer nach dem Motto: "Du großes Gestirn! Was wäre dein Glück, wenn du nicht die hättest, welchen du leuchtest!"
Der Satz stammt von Friedrich Nietzsche, dem sich Karl Lagerfeld selbstredend sehr nahe fühlt, wenn nicht beinahe identisch. Weshalb er, um wenigstens für eine Weile Luft holen zu können und Raum für sich und seine Größe zu haben, Anfang Mai ankündigte, sich endlich mal um Friedrich Nietzsche zu kümmern. Lagerfeld wird Nietzsche herausgeben, den richtigen Nietzsche, versteht sich, die Originalschriften und handkorrigierten Manuskripte in einer so bibliophilen wie exklusiven zwölfbändigen Ausgabe. Und er meinte, nun hätte er den Plebs vom Hals und würde für eine gewisse Zeit nur noch von philosophischen Zeitschriften zu Interviews gebeten.
Aber weit gefehlt. Die Nietzsche-Nummer hat nur dazu geführt, dass die Lifestyle-Strategen aller Schattierungen den großen Lagerfeld nicht nur nach Wolfgang Joop und Angela Merkel fragen. Dabei erfährt man da so schöne Dinge. Dass Wolfgang Joop alles gut imitieren kann, aber keinen eigenen Stil hat, dass Angela Merkel zu fett ist, nein "ein bisschen korpulent" und schlecht geschnittene Hosen trägt, "die immer etwas zu kurz sind". Ja, wunderbar. Das wollen wir hören, denn es ist die reine Wahrheit. Aber nein, auch über den Sinn des Lebens soll der Lagerfeld schwadronieren. Und da zeigt sich nun die wahre Größe des Großen: Er reduziert sich wieder auf das, was ihn ausmacht, aufs Banale.
"Der Sinn des Lebens ist das Leben, und damit hat sich’s", sagt er. Jawoll. "Mein Lebensziel ist es, Größe 48 zu halten. Alles andere ist unwichtig", sagt er. Jawoll. Und weiter: "Das klingt vielleicht oberflächlich, aber man muss sich um die Oberfläche kümmern, dann kommt man besser an die Unterfläche heran." Jawoll. Und vermutlich lacht er sich halb kaputt darüber, wie ernst das alles genommen wird. "Eine sehr primitive, aber handfeste Philosophie", fügt der Philosoph Lagerfeld hinzu. Mehr kann man nicht sagen. Was keinen der Lifestyle-Kasper unter den sogenannten Journalisten davon abhalten wird, weitere Interviews mit ihm zu führen. Schade eigentlich.