Auf ein Wort
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Bloß keine Geheimnisse voreinander haben: Mein Telefon kennt mein Gefühl. Und ich? Ich kenne wenigstens meine Telefonnummer.
Ich kenn Dich nicht, aber ich wasch Dich trotzdem, sag ich gerne mal zu jenem Bild des Grauens, das mir morgens, nach einer verlotterten Nacht, aus dem Spiegel entgegen starrt. Wie diese Schwester von Frankensteins Monster sich dann fühlt, weiß ich nicht so genau - ich kenn sie ja nicht. Aber genau dafür gibt es bald Abhilfe: Mein Handy kennt mich! Es weiß genau, wie ich mich fühle! Und an solchen Tagen sagt es: Mein lieber Scholli, dir geht’s ganz schön schrottig.
Ich weiß nicht genau, woran es das erkennt. Angeblich analysiert das gewitzte Gerät, wie schnell der Nutzer die Tasten drückt, das eben Geschriebene wieder löscht oder ob er das Ding schüttelt. An solchen Tagen misst mein Handy wahrscheinlich einfach die Lautstärke, mit der ich es anschreie, weil ich mal wieder irgendeinen Knopf nicht getroffen habe und jetzt aus Versehen mein Adressbuch lösche. Oder böse Lästereien über meine Schwiegermutter an eben jene maile. Oder Schnappschüsse vom letzten Schlammcatchen online stelle. Was so Dinger halt schon auf Knopfdruck können.
Dieses blitzgescheite Biest kann eben zusätzlich Gefühle erkennen. Und dann serviert es mir die passenden Maßnahmen zur Seelenlage, Musik, Filme, Reisetipps. Heute: volle Dröhnung Heavy Metal, Taschentuch-Filme wie "Philadelphia" und eine Gute-Laune-Reise in die Slums von Mumbai. An Blümchentagen gibt’s anspruchsvolle Kost, eine Studienreise an die Kurische Nehrung auf Thomas Manns Spuren, mit Soundtrack von Coleman Hawkins und Filmstoff von Ingmar Bergman.
Lena Bodewein will vieles, aber sie will nicht, dass ihr Handy weiß, wie es ihr geht.
Aber das geht mir alles zu weit. Ich will nicht, dass mein Handy weiß, wie’s mir geht! Dann bekommt es direkt so einen komischen Anstrich, so eine Mischung aus gütigem Motivations-Coach nach dem Motto "Du machst das gaaaaanz toll" und Fräulein Rottenmeier: Es wird immer genau hingucken, wie ich mich benehme, ob ich mich zu aggressiv, zu forsch, zu schlapp, zu überdreht verhalte. Es wird tadelnd "tzetzetze" machen, wenn ich am Telefon flunkere oder auch nur schlecht von meinem Nebenmann in der U-Bahn denke.
Ich will das nicht. Für Motivation, Moral und Benehmen sind Eltern, Lehrer und Pfarrer zuständig. Mein Handy soll telefonieren können, SMS schicken und mir im Notfall noch den Weg weisen. Aber nur den geographischen, nicht den rechten - technischen Geräten gegenüber sollte man nicht auch noch ethisch wertvolles Verhalten an den Tag legen müssen.
Ich möchte Handy und Rechner nach Lust und Laune anbrüllen können - dafür sind sie da! Wie soll man denn sonst noch arbeiten können: Ich schleudere meinem Computer entgegen: "Verdammte Schrottkiste, jetzt beweg Deinen binären Arsch" - und er? Runzelt nur kritisch seine Display-Stirn und meldet: Du bist schlecht drauf.