Otto von Bismarck oder: Die Stimme stirbt zuletzt

von Wolfgang Müller, NDR Info

Otto von Bismarck mit Pickelhaube. © NDR/Otto von Bismarck Stiftung Detailansicht des Bildes Otto von Bismarck starb 1898, doch seine Stimme ist der Nachwelt offenbar erhalten geblieben. "Nicht sendefähig", würde jeder Techniker hier im Haus über diese Aufnahme sagen. Aber dann drückt man doch zwei Augen zu und stellt die Ohren auf:  Der Kanzler spricht, der Reichskanzler. Auf seine alten Tage hatte er einen Mitarbeiter von Meister Edison zu sich ins Schloss Friedrichsruh bestellt und ließ sich diese seltsame Erfindung vorführen: den Phonographen. Der war, wie soll man sagen, noch nicht völlig ausgereift, aber immerhin: zwischen dem Ächzen der Tonwalze ist tatsächlich der Alte aus dem Sachsenwald zu hören.

Offenbar bei bester Laune. Er soll sich für dieses neumodische Ding ziemlich interessiert haben. Aber vielleicht war er auch nur froh, mal raus zu sein aus dem Berliner Politikbetrieb. Dort war inzwischen der politische Dünnbrettbohrer Wilhelm II. Kaiser geworden, und der wollte Bismarck lieber heute als morgen loswerden. Es war Kanzlerdämmerung, das gab es schon damals. Und ein halbes Jahr später ging der Lotse tatsächlich von Bord.

Hier aber hat er sich noch mal einen Spaß erlaubt. Zitierte ein bisschen Englisch und Latein, dann noch den Anfang der französischen Nationalhymne. Er, der Frankreich-Bezwinger, verbeugt sich mal kurz vor der Grande Nation. Das ist nicht ohne Pikanterie, so wie am Ende die Ermahnung an seinen Sohn, nicht über die Stränge zu schlagen, namentlich beim Trinken - wusste doch jeder, dass Bismarck selbst kein Kind von Traurigkeit war.

Bismarck also wie er leibt und lebt im historischen Originalton - damit hätte man nicht gerechnet. Und fragt sich jetzt, was da noch alles auf uns zukommt. Vielleicht ein Gespräch mit Goethe, mitgeschnitten von Eckermann? Oder ein politisches Vermächtnis des Alten Fritz? Oder eine Stellungnahme von Brutus nach seinem Mord an Cäsar?

Obwohl - vielleicht wäre das alles ja eine große Enttäuschung. Hätte man nicht auch aus dem Munde des Eisernen Kanzlers ganz Anderes erwartet? Staatsmännische Maximen, geschichtliche Prophetien, wegweisende Einsichten für die deutsche Nation? Und dann hören wir: Übertreibt mal nicht, "alles in Maßen und Sittlichkeit"! Oder war das eine verschlüsselte Botschaft, die uns womöglich manches erspart hätte? Da wird einem sozusagen historisch ganz flau ...

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Autor
Wolfgang Müller © NDR Fotograf: Christian Spielmann
 

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Otto von Bismarck, preußischer Staatsmann. © picture-alliance / dpa Fotograf: Bifab
 

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