Stillstand vor Wilhelmsburg

von Detlev Gröning

Ein ICE der Deutschen Bahn © dpa Fotograf: Bernd Thissen Detailansicht des Bildes Mitgehangen, mitgefangen: Wer in einen ICE einsteigt, steigt manchmal erst sehr viel später als geplant wieder aus. Kann es für einen ICE-Passagier von München nach Hamburg einen frustrierenderen Ort zum Liegenbleiben geben als kurz vor Wilhelmsburg? Kassel-Wilhelmshöhe, ja; Göttingen, warum nicht? Aber wenn der Zielbahnsteig zum Greifen nah ist, wenn die üblichen Ausstiegspaniker mit der Abteiltür-Verriegelungs-Phobie bereits den Gang mit Sperrgepäck blockiert haben, dann ist der Blackout auf den letzten 20 von 800 Kilometern statistisch so unwahrscheinlich, dass man fast schon wieder stolz sein darf, dabei gewesen zu sein.

Wir alle kennen diesen ersten Gedanken beim drucklosen Ausrollen des Zugverbands auf freier Strecke: Wie lange? Aus irgendeinem Grund, für den die Bahn natürlich nichts kann, verzögert sich die Weiterfahrt um circa 15 Minuten. Erfahrene Kunden wissen Bescheid: Wenn die 15 Minuten schon freiwillig zugeben, dann werden es 30. Das haben die sich bei der Politik abgeguckt. Als nächstes gilt es das "wann" und "mit wem" zu realisieren. Es ist eben ein Unterschied, ob man sich im abgerauchten Rhein-Wupper-Express am Rosenmontag von angetütelten Eifel-Schönheiten abbützen lässt oder als ahnungsloser Hamburger im Zweitliga-Fanwaggon Richtung Rostock sitzt, nachdem die Hansa-Kogge wieder mal am Millerntor untergegangen ist. Da liegt man vor Madagaskar mit Pest an Bord immer noch sicherer als vor Ludwigslust mit einer Signalstörung.

Profis nutzen zunächst die Gunst der Stunde: Freie Platzwahl, denn irgendwelche Fahrkartenkontrolleure lassen sich jetzt schon aus reinem Selbsterhaltungstrieb nicht mehr blicken. Im vorderen Abteilwagen mit den weichen Nackenkissen und den kostenlosen Handelsblättern begegnen wir Mister Wichtig im nachtblauen Zweireiher, der in verschiedenen Fremdsprachen am Handy den gesamten asiatischen Absatzmarkt bei Laune hält. Nichts, woran man für Stunden teilhaben möchte.

In der zweiten Klasse lauert entweder gleich ein kompletter Schulausflug - da ist man machtlos - oder eben nur dieser eine picklige Klempnerlehrling, der aus dem MP3-Player irgendwas Zischelndes ohne Bässe im Ohr hat, was sich von außen anhört wie eine Radio-Folge von "Kobra, Klapperschlange & Co". Je nach körperlicher Selbsteinschätzung sucht man sich entweder einen anderen Platz oder begibt sich mit der Schere am Schweizer Messer in begründeter Notwehr ans Kopfhörer- Anschlusskabel.  "Hier hast Du 20 Euro, kauf Dir´n Neuen."

Bewegte Uhren gehen langsamer, lehrte uns Albert Einstein, aber das war vor der Erfindung des ICE. Heute würde der das nicht mehr so leichtfertig dahinsagen, denn nirgendwo zeigen sich die Minuten zähflüssiger als in einem stehenden Abteil mit Blick auf eine vermüllte Böschung.

Doch dann plötzlich dieser Ruck, der nicht nur durch die Waggons, sondern im besten Roman Herzog´schen Sinne durch die Seele und die gesamte Gesellschaft geht. Wir rollen wieder - das Leben geht weiter. Sänk you for Listening!

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Stillstand vor Wilhelmsburg

Erfahrene Bahnfahrer veranstalten auch in aussichtslosen Situationen keinen Aufstand.

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Buchstaben aus bunten Nudeln rieseln von einer Hand © dpa-Zentralbild Fotograf: Jan-Peter Kasper
 

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