Eigentlich paßt er nicht so recht in unsere Zeit, der junge Medizinstudent Clemens C. Er zerbricht schließlich an ihr. Clemens ist ein Einzelgänger, aber das nicht allein, er ist ein Träumer, ein Liebender und zugleich ein fanatischer Forscher, der die Auswirkungen des Giftes Caratillo untersuchen will. Das kann er nur durch ein Experiment mit sich selbst, und es bedarf bloß eines kleinen äußeren Anstoßes, um diesen Entschluss auszulösen. Eine Stunde hat er noch zu leben, das Gift wandert bereits in seinem Blut, da setzt er sich an ein Tonbandgerät, um die letzten Minuten zu registrieren.
Persönlicher Bericht wechselt ab mit einer sachlich-klinischen Schilderung seines körperlichen Zustandes. Am Ende aber verwischt sich alles, die Zeiten und die Bewusstseinsebenen, die Motive und die Absichten; sein Leben und seine Idee werden unwirklich und gespenstisch vor dem Prozess des Sterbens. Jetzt sieht er plötzlich sein Leben, wie es hätte sein können, wie er es nun leben möchte, aber dazu ist es zu spät. Die Uhr tickt unerbittlich. Clemens kann zwar die Uhr zerstören, aber nicht mehr die Zeit, die ihn tötet ...
Mit Klaus Kinski
Horst Bienek, 1930 in Gleiwitz/Oberschlesien geboren, wurde 1951 vom Staatssicherheitsdienst und wegen angeblicher antisowjetischer Hetze zu 25 Jahren Zwangsarbeit in einem russischen Arbeitslager verurteilt. Nach vier Jahren kam er im Zuge einer Amnestie frei und ging in die Bundesrepublik. Er arbeitete als Kulturredakteur und Verlagslektor, bevor er sich als freier Schriftsteller in München niederließ. Zu seinen bekanntesten Werken gehören "Traumbuch eines Gefangenen" (1957) und der Roman "Die Zelle" (1968). Horst Bienek starb 1990 in München.
(Sonntag, 1. August, 21.05 - 22.00 Uhr, NDR Info)