Dirty Dozen "Blue Note": Cassandra Wilsons "Blue Light 'Til Dawn"

von Sarah Seidel

Cassandra Wilson beim Auftritt mit ihrer Band am 30. Januar 2011 in Danzig, Polen © picture alliance / dpa Fotograf: Adam Warzawa Detailansicht des Bildes Die Jazz-Sängerin Cassandra Wilson Die samtene Stimme von Cassandra Wilson kann sich wie eine tröstend warme Decke um die Seele wickeln. In einer Zeit großen Kummers hörte ich das Album "Blue Light ’Til Dawn", vor allem den Song "You Don’t Know What Love Is", auf dem Cassandra Wilson nur von Steel-Gitarre und Violine begleitet wird. Jedes ihrer gesungenen Worte klang so ehrlich, so tief und so schmerzvoll, dass ich dachte, "Sie weiß, was Liebe ist". Mein erster Eindruck sollte sich mit jedem weiteren Song auf der Platte bestätigen. Diese schöne, stolze Frau war sicher schon einige Male verletzt worden. Jetzt ließ sie mich an ihren Erfahrungen teilhaben, vermittelte mir Trost.

Jazz, Blues, Folk und Cajun 

Die Musik auf "Blue Light ’Til Dawn" ist eine Mischung aus Jazz, Blues, Folk und Cajun. Cassandra Wilson, die aus Jackson, Mississippi, stammt, war damit musikalisch nach Hause zurückgekehrt. Für diese Aufnahme hatte sie sich eine spezielle Instrumentierung ausgesucht. Gitarren, Bass, Akkordeon, Violine, Klarinette und Percussions machen den Sound auf "Blue Light ’Til Dawn". Der Gesang von Cassandra Wilson steht geradezu beschwörend im Vordergrund. Sie und ihre Musiker zaubern eine schwüle und gleichzeitig transparente Atmosphäre auf die zwölf Stücke. Das Album nimmt mich mit auf eine Reise in die Sümpfe von New Orleans, in die geheimnisvolle Welt seelischer Tiefen.

Spröde Anfänge

Was hatte ich bis dahin nicht schon alles von Cassandra Wilson gehört, vor allem von ihren Aufnahmen beim innovativen Münchner Label JMT, das gerade mal zehn Jahre existierte. Die Musiker, mit denen Cassandra Wilson bis Anfang der 90er-Jahre gearbeitet hatte, kamen aus dem M-Base Kollektiv. Eine Gruppe junger und ambi­tionierter, afroamerikanischer Musiker mit einem starken politischen Bewusstsein. Sie schufen Anfang der 80er-Jahre einen neuen Sound im Jazz, der kühl war, komplex und spröde. Die Saxofonisten Steve Coleman und Greg Osby waren die intellektuellen Anführer des M-Base-Kollektivs, zu dem auch der Saxofonist Gary Thomas, der Trompeter Graham Haynes und der Posaunist Robin Eubanks gehörten. Mitten in diesem technokratischen Musikerzirkel war eine Stimme zu vernehmen, die vielen der M-Base-Platten einen menschlichen Atem gab. Warm, elegisch, manchmal sogar etwas träge führte Cassandra Wilson damals ihre dunklen Melodien durch das rhythmisch und harmonisch vertrackte Gerüst ihrer Kollegen. Sie war es, die mich für diese Musik gewinnen konnte.

Internationaler Bestseller 

Nach acht Soloalben in den 80er- und 90er-Jahren kam 1993 das erste Blue Note-Album von Cassandra Wilson heraus, für das sie mit dem Produzenten Craig Street zusammenarbeitete. Das Album wurde aus dem Stand ein internationaler Bestseller für Blue Note und machte sie quasi über Nacht zu einem Star im Kreis der modernen, amerikanischen Jazzsängerinnen. "Blue Light 'Til Dawn" ist bis heute die meistgehörte unter den vielen CDs von Cassandra Wilson in meinem Regal.

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NDR Info | 08.07.2009 | 22:05 Uhr

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Art Blakey, 1988 in Kopenhagen
 

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