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von Michael Laages
João Bosco & NDR Bigband: Senhoras do Amazonas
"Senhoras do Amazonas", die frische CD des brasilianischen Sängers, Gitarristen und Komponisten João Bosco mit der NDR Bigband hat einen direkten Vorgänger - daheim in Brasilien feierte die jüngste Bosco-CD Premiere im vergangenen Jahr und die hat einen ziemlich komplizierten, ziemlich schönen Titel: "Nao vou pra ceu, mas ja nao vivo no chao". In sehr freier Übersetzung kommt das einer der schönsten deutschen Philosophen-Weisheiten nahe: "Schau nach den Sternen, gib acht auf die Gasse".
João Bosco ist seit Beginn der 70er-Jahre einer der wichtigen Wegweiser der populären brasilianischen Musik. Zugleich ist er ein grandioser, ausgefuchster Handwerker seiner Musik - zusammen repräsentieren die beiden aktuellen Produktionen eine neue qualitative Stufe im Werk des Alleskönners Bosco.
Einander kennen gelernt hatten Band und Sänger sich für die Brasilien-Reise des Orchesters 2007. Darauf folgten zwei Sommertourneen, 2008 vor allem zum Schleswig-Holstein Musik-Festival, 2009 unter anderem zum Jazz-Festival ins polnische Krakau. Schon bei der ersten Deutschland-Reise brachte Bosco auch neues Material mit nach Hamburg. Steve Gray, der Meister-Arrangeur so vieler Produktionen der NDR Bigband, hat Boscos Kompositionen (und die einiger noch berühmterer brasilianischer Kollegen) für die Band und den Sänger arrangiert. Jetzt sind die "Senhoras do Amazonas" Grays letzte Arbeit geworden - kurz nach Fertigstellung der Arrangements ist Steve Gray im September 2008 gestorben.
Im Klang der neuen CD ist er aber über die Maßen präsent - schon deshalb, weil diesmal auch die sanfteren, die romantischen Bosco-Stücke ihren Platz behaupten im Gesamtprogramm. Auch die "Musica Popular Brasileira" selbst, kurz: MPB, war immer schon voll von klassischen Liebesliedern, "Lovesongs" der subtileren, pikanteren Sorte. Und die sind bekanntlich alterslos. Immer wieder ist auch das Zauberwort im Spiel: "Saudade", was mit "Sehnsucht" viel eng und eindimensional übersetzt ist. Der Horizont der Welt war ja viel weiter für die Pioniere der "Bossa Nova", für Antonio Carlos Jobim und João Gilberto, mit denen die "neue Welle" begann. "Chega de Saudade" wird hier jetzt neu interpretiert von Bosco, der NDR Bigband und Steve Gray, und Gilbertos "Desafinado" singt Bosco derart exakt, dass sogar eine kleine deutsche Anleihe gut zu hören ist, an eine "Rolleiflex" aus der einstigen Braunschweiger Fotoapparatefabrik.
Ney Conceicao ist der Haus-Bassist, Kiko Freitas der Schlagzeuger in Boscos brasilianischer Band. Der Sänger selbst lädt sich für die Auftritte und CD-Produktionen daheim gern Jazz-Instrumentalisten ein. Insofern verwirklicht sich in der Zusammenarbeit mit der NDR Bigband immer auch ein Bosco-Traum. Wer die gemeinsamen Konzerte von Sänger und Band schon miterlebt hat, wird auch den Wohlfühlfaktor bemerkt haben, der dem Gast aus Brasilien jede Minute mit der Band zum Vergnügen macht. Er mag ihren Sound, empfindet ihn als große Bereicherung für die eigene Musik. Boscos eigene Musik ist immer dann besonders lebendig, wenn sich ganz viel Jazzgefühl in ihr ausbreiten kann.
"Senhoras do Amazonas" ist eine prächtig produzierte akustische Reise in diese Zwischenwelt - denn so schwer es Jazz prinzipiell hat in Brasilien, so gut bekommt er gerade den großen musikalischen Traditionen dieses Landes. Fehlt nur noch, dass auch die Brasilianer selbst, in Rio, Salvador und Sao Paulo, ihren Weltstar bald wieder so zu hören bekommen - ganz wild und ganz sanft, mit den "Senhoras do Amnazonas" und mit diesem großen Sound.
João Bosco - vocals, guitar
Kiko Freitas - drums
Ney Conceicao - bass
NDR Bigband

João Bosco & NDR Bigband