Stand: 06.01.2017 15:09 Uhr

Der ungeplante Bestseller: Hitlers "Mein Kampf"

Hitlers Hetzschrift "Mein Kampf" ist vor einem Jahr nach einer kontroversen Diskussion erneut veröffentlicht worden - in einer kritischen, wissenschaftlich kommentierten Ausgabe. Die Historiker des Instituts für Zeitgeschichte wollten den ideologischen Klassiker des Nationalsozialismus mit Fakten umzingeln, wie sie sagten. Sie rechneten mit wenig Käufern: Die erste Auflage hatte nur 4.000 Exemplare, mittlerweile ist das Buch 85.000 Mal über die Ladentheke gegangen. Ein Bestseller. Wer hat es gekauft und wie sind die Buchläden damit umgegangen?

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Im ersten Jahr wurde die kritische Ausgabe von "Mein Kampf" 85.000 Mal verkauft - und übertraf damit die Erwartungen.

In einem Büro im Hamburger Schanzenviertel blättert Andreas Blechschmidt in dem wuchtigen Werk des Nationalsozialismus. Gelbe, grüne und rosa Zettel kleben als Markierungen  in seiner kritischen Ausgabe von Hitlers "Mein Kampf". Der linke Germanist hat noch nicht alles, aber vieles davon gelesen. "Meine 'Mein Kampf'-Lieblingsstelle, die muss ich aber jetzt eben mal suchen. Das ist ja eine 1.800 Seiten-Veranstaltung." 

Schlechte Sprache und voller fundiertem Halbwissen

Sie steht im Kapitel "Wiener Lehr- und Leidensjahre". Hitler schreibt da: "Wer nicht selber in den Klammern dieser würgenden Natter sich befindet, lernt ihre Giftzähne niemals kennen." Ein Beispiel für Hitlers schlechte Sprache, sagt der Germanist. "Eine Natter hat weder Klauen, und dann muss man sich entscheiden: Wird man jetzt gewürgt oder ist es eine Giftschlange, jedenfalls gehört alles drei nicht zusammen."

Für ihn bringt dieser Satz den Charakter des Buches auf den Punkt. Dessen ganze "Dürftigkeit", wie er es nennt. "Es ist geschwätzig, es ist voller fundiertem Halbwissen, manchmal auch sehr enervierend und ermüdend zu lesen, die Vokabel 'Ich' kommt definitiv zu häufig vor. Und das Ergebnis ist relativ unerträglich." Andreas Blechschmidt hat sich die kommentierte Hetzschrift aus historisch-politischem Interesse gekauft. An der Universität hat er sich intensiv mit dem Holocaust und dem Nationalsozialismus beschäftigt, heute gehört er zur linken Szene Hamburgs.

Ältere Kunden freuen sich über bislang verbotenes Buch

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Sinje Hansen ist schockiert, wenn Kunden den Verkauf des Buches mit "Endlich gibts das wieder" kommentieren.

In der Hamburger Buchhandlung Lüders wurde die kommentierte Ausgabe von Hitlers "Mein Kampf" ungefähr 30 Mal verkauft. Das sei viel für so eine kleine Buchhandlung und so ein teures Buch, sagt Sinje Hansen. Sie kennt ihre Kunden. Die meisten hätten es wie Andreas Blechschmidt aus historisch-politischem Interesse gekauft. Aber nicht nur. Sie war auch überrascht. Ältere Kunden hätten sich auf eine seltsame Art über die Neuerscheinung gefreut. "'Toll, das gibts jetzt wieder, das war ja lange verboten. Endlich gibts das wieder', sagten sie und da ist man dann wirklich erschüttert."

Eine gewisse Aura scheine von dem Buch auszugehen, sagt Hansen. Immer wieder bieten Kunden sogar das Original an, denn die Buchhandlung Lüders ist auch ein Antiquariat. "Dann finden die das also und denken, sie bieten uns einen Schatz an. Das ist für uns tatsächlich ganz furchtbar, weil das ja tatsächlich alles andere ist als das." Sie würde dann allen das Gleiche sagen: "Tun Sie es dahin, wo es hingehört. Tun Sie es auf den Müll. Wir wollen es nicht. Und wir wollen es nicht nur nicht hier haben, wir wollen auch nicht, dass es verkauft wird."

In den Regalen soll das Buch nicht stehen

Die kommentierte Ausgabe haben sie aber verkauft, auf Bestellung und mit gutem Gewissen. In den Regalen sollte das Buch aber nicht stehen. Ebenso ist auch die Buchhandlung Heymann mit der Hetzschrift umgegangen. In ihren 14 Filialen in Norddeutschland hat sie gut 300 Exemplare des Buches verkauft. Filialleiterin Katja Nowack hat nicht reingeschaut, findet aber, dass mit der kommentierten Ausgabe dem Mythos von Hitlers "Mein Kampf" etwas Sinnvolles entgegen gesetzt wird. Sie findet, es dient der politischen und geschichtlichen Diskussion, dass der Freistaat Bayern die Urheberrechte ans Institut für Zeitgeschichte gegeben hat mit der Aufgabe, dass es aufgearbeitet wird. „Aber letztlich bleibt es natürlich das Gedankengut eines Verbrechers, eines der größten Verbrecher der Geschichte.“

Das absolut Böse sei selbst mit der Wissenschaft nicht einzudämmen, sagen auch heute ein Jahr nach der Veröffentlichung noch manche Kritiker. Doch der Großteil der Experten setzt in diesem Fall auf Fakten statt auf Verbote. In Bayern soll die kritische Ausgabe von „Mein Kampf“ nun sogar im Schulunterricht behandelt werden.

Weitere Informationen

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Am 1. Januar 2016 sind die Urheberrechte an Adolf Hitlers "Mein Kampf" erloschen. Nun kann jeder Verlag in Deutschland das Buch nachdrucken. Nicht nur Historiker raten zur Gelassenheit. (07.01.2016) mehr

 

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NDR Info | Aktuell | 07.01.2017 | 07:20 Uhr