Einblick ins Schattenreich der Steueroasen
Die Namen und weitere Daten von mehr als 100.000 Treuhandgesellschaften und Firmen in Steueroasen sind für jeden Internetnutzer jetzt weltweit zugänglich. Nach Informationen des NDR und der "Süddeutschen Zeitung" hat das Internationale Konsortium für Investigativen Journalismus (ICIJ) einen Teil der sogenannten Offshore-Leaks-Daten am Sonnabend im Internet veröffentlicht. "Dadurch wird die undurchsichtige Welt der Steueroasen endgültig aufgebrochen", heißt es dazu aus dem ICIJ in Washington.
Von Jürgen Webermann, Peter Hornung und Benedikt Strunz, NDR Info und Sha Hua, Team Recherche
Sensible Informationen wie z.B. Personalausweisnummern oder Bankverbindungen werden von der ICIJ nicht veröffentlicht.
Offshore-Leaks - dieser Begriff steht für ein internationales Rechercheprojekt von mehr als hundert Journalisten in 58 Ländern. Sie brachten seit Anfang April Licht in die geheime Welt der Steueroasen. Berichte, die auch auf politischer Ebene vieles in Bewegung gebracht haben. Mit dabei: das NDR Fernsehen mit seinem Team Recherche und die Reporter von NDR Info.
Organisiert hatte das Rechercheprojekt die Washingtoner Journalistenorganisation ICIJ. Sie ist es nun auch, die einen Teil der insgesamt 2,5 Millionen Datensätze, die dem Konsortium vorliegen, ins Internet stellt - für jeden durchsuchbar. Gibt man zum Beispiel den Suchbegriff "Germany" ein, so findet man knapp 350 Einträge: Personen, Unternehmen und Adressen - von Kiel bis München.
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NDR Info
Die Welt der Steueroasen durchleuchtet: Die Daten des Rechercheprojekts Offshore-Leaks sind nun für jedermann im Internet verfügbar. (engl.)
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Neun Steueroasen betroffen
Datenjournalist Sebastian Mondial ist einer der Teilnehmer am internationalen Rechercheprojekt Offshore Leaks.
Doch die Deutschen machen nur einen kleinen Teil der Daten aus, die nun über das Internet frei zugänglich sind. Die Spuren führen aus der ganzen Welt in die Steueroasen. "In der Datenbank findet man die Namen der Firmen und Trusts verbunden mit den Direktoren und anderen Bezugspersonen und dazu auch die Ortsangaben, also die Adressen, unter denen die Firmen und Personen zum Zeitpunkt der Datenbankentnahme gemeldet waren", erklärt Sebastian Mondial, Datenjournalist und einer der Teilnehmer des internationalen Rechercheprojekts Offshore-Leaks. Welche Firma wem gehört, wer Anteilseigner ist und in welcher Beziehung eine Firma zu anderen Unternehmen steht - all das sind Informationen, die nun jeder recherchieren und herunterladen kann.
Betroffen sind neun Steueroasen, darunter die Britischen Jungferninseln, die Cook-Inseln und Singapur, 100.000 Briefkastenfirmen, Treuhandgesellschaften und Stiftungen. Es gehe ihm um Transparenz, sagt Gerard Ryle, Leiter der Journalistenorganisation ICIJ, die Offshore-Leaks koordiniert und die Daten nun veröffentlicht: "Wir wurden von der Öffentlichkeit mit Kritik überzogen, weil wir die Datenbank zunächst nicht jedem zugänglich gemacht hatten. Das ist sozusagen unsere Antwort darauf. Die Leute können nun selber suchen, und wir haben auch ein interaktives Element. Wer etwas Interessantes findet, soll sich bei uns melden. Und wir glauben, dass dadurch neue gute Stories entstehen."
Mit dieser Datenbank solle nun auch die Öffentlichkeit in die Recherchekollaboration miteinbezogen werden. Ab nächster Woche werde es nämlich auf der Website auch eine Plattform geben, auf der die Nutzer Dokumente zu den angezeigten Fällen hochladen können.
Informant wird durch Bearbeitung der Daten geschützt
Doch es ist nur ein Ausschnitt aus dem riesigen Datenbestand von Offshore-Leaks, der nun publiziert wird: Es sind Firmendaten, die von Journalisten des ICIJ aufbereitet wurden und die nun in Grafiken dargestellt werden. Das Ziel: einer weltweiten Öffentlichkeit Einblick ins Schattenreich der Steueroasen zu geben - verbunden mit dem Hinweis, dass es nicht per se illegal ist, eine Briefkastenfirma zu haben. Auch weil es um Systementhüllung statt Kriminalbekämpfung gehe, lehnen die beteiligten Journalisten weiterhin die Forderungen von Politikern ab, das gesamte Datenpaket weiterzugeben.
Der Informant, der den Journalisten das Material zugespielt hatte, sei durch die Bearbeitung der Daten weiterhin geschützt; zudem habe man sensible Informationen bewusst herausgenommen, sagt Datenjournalist Sebastian Mondial: "Was man nicht findet, sind Daten wie Personalausweisnummern, Bankkonten, Pincodes, Passwörter, Sachen, die in der Datenbank drin waren, aber natürlich nicht in die Öffentlichkeit gehören."
Das ICIJ musste Gerard Ryle zufolge auf das richtige "politische Klima" warten, um die legale Zulassung für die Veröffentlichung der Datenbank zu bekommen. Denn erst nach den heftigen Diskussionen über Steuerhinterziehungen und Geldwäsche in Zeiten der globalen Finanzkrise sei das öffentliche Interesse klar nachweisbar gewesen.
Lob für ICIJ von EU-Kommissar Algirdas Šemeta
So habe das Projekt Offshore-Leaks die internationale Steuerpolitik in den vergangenen Wochen verändert, sagte vor wenigen Tagen der für Steuern zuständige EU-Kommissar Algirdas Šemeta. Schon im Mai hatte er die Arbeit der Journalisten begrüßt: "Ich glaube, wir können die eindrucksvolle Arbeit des ICIJ an Offshore Leaks nur loben. Die Berichterstattung hat den Kern des Problems getroffen: Intransparenz. Und sie hat auf jeden Fall dazu beigetragen, die Diskussion in die richtige Richtung zu lenken."
Das Thema Steueroasen steht auch am Montag und Dienstag ganz oben auf der Agenda - beim G8-Gipfel der acht größten Industrienationen in Nordirland.
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