Stand: 04.04.2013 00:05 Uhr

"Einmaliger Einblick ins Offshore-Business"

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Seit Februar 2012 hat Sebastian Mondial für das ICIJ am Projekt "Offshore-Leaks" mitgearbeitet.

Millionen von Dokumenten haben Journalisten auf der ganzen Welt in dem Projekt "Offshore-Leaks" ausgewertet. Ihr Ziel: Licht in die Schattenwelt der Steueroasen zu bringen. Sebastian Mondial, freier Journalist mit den Schwerpunkten Datenjournalismus und investigative Datenrecherche, erklärt, wie das weltweite Recherche-Netzwerk mit den Datenmengen umgegangen ist.

Woher stammen die Daten, die die Grundlage für das Projekt "Offshore-Leaks" bilden?

Sebastian Mondial: Ich persönlich bin im März 2012 das erste Mal mit den Daten in Berührung gekommen. Ich war in Washington eingeladen, ohne zu wissen, worum es geht. Und nach einem kurzen Gespräch mit Gerard Ryle vom International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) hatte ich eine Festplatte vor mir. Er sagte mir, er könne mir nicht sagen, woher die Daten stammen, aber in der Arbeit mit den Daten würde sich wohl mehr daraus ergeben. Die Quelle hat sich im Laufe der Arbeit so weit erschlossen, dass von Servern zweier Firmen, die über das Internet zugänglich waren, Daten abgeschöpft worden sind. Und diese bilden quasi die Kerninformation des ganzen Projektes.

Welchen Umfang hatten diese Daten?

Mondial: Das übersteigt wohl alles, was bislang Wikileaks und Co. ins Netz gestellt haben, beziehungsweise womit die gearbeitet haben. Wir hatten eine Ursprungsdatenmenge von weit über 200 Gigabyte. Es sind Millionen von Dokumenten, vor allen Dingen E-Mails, ungefähr 1,5 bis zwei Millionen, je nachdem, ob man Doppelte raus zählt oder nicht. Wenn man das auf ausgedruckte DIN-A4-Seiten umrechnen würde, wären das wohl zwischen fünf und sieben Millionen Seiten. Dazu kommen noch zwei Datenbanken, die zwischen 200.000 und 300.000 Einträgen zu verschiedenen Offshore-Firmen haben.

Kann man sagen, wie viele Personen da drin sind?

Mondial: Im Zentrum stehen natürlich die Mitarbeiter der Firmen und ihre Kontakte, weil es eben in den E-Mails sehr oft um Alltägliches bis Profanes geht. Da der Geschäftszweck der Firmen aber ausschließlich mit dem Offshore-Business zu tun hat, stehen im Kern etwa 100 bis 200 Personen, die über diese Dinge kommunizieren, an Klienten mehrere Tausend. Insgesamt - an den E-Mail-Adressen durchgezählt - waren es weit über 10.000 Akteure.

Welche Schwierigkeiten ergaben sich bei der Auswertung der Daten?

Mondial: Das Schwierigste ist bei so einer Menge, dass man nicht mehr perfekt arbeiten kann, dass man nicht mehr sagen kann: Ich sichte jetzt alles. Die reine Lebenszeit der beteiligten Journalisten würde nicht ausreichen, jedes Dokument einzeln zu lesen und vernünftig einzuordnen und zu sichten. Deshalb war es auch am Anfang ohne spezielle Software nahezu unmöglich, durch diese Daten durchzudringen. Wir hatten dann Hilfe durch eine spezielle forensische Software, diese Daten durchsuchbar zu machen und auch in den Kontext zu bringen. Zu verstehen, wer mit wem kommuniziert, zu welchem Thema und welche Ergebnisse dann dabei herauskommen, wäre aufgrund der Beschaffenheit dieser Daten ohne diese Software unmöglich gewesen.

Wie groß ist die Aussagekraft dieser Daten?

Mondial: Wenn man berücksichtigt, dass es sich um große E-Mail-Mengen handelt, die quasi das alltägliche Geschäft beschreiben und dazu zwei Datenbanken, die sehr viel darüber aussagen, wie diese Offshore-Firmen angelegt sind, welche versteckten Informationen es auch dazu gibt, dann bekommt man einen einmaligen Einblick in das Offshore-Business und auch die Bereiche, von denen man nur vermuten kann, wie sie funktionieren und was sie für Auswirkungen haben.

Welche Offshoreplätze betrifft das insbesondere?

Mondnial: Das betrifft vor allen Dingen die British Virgin Islands, aber auch so Plätze wie Labuan oder Malaysia oder Singapur sind dabei. Eine der Firmen hatte an mindestens 15 Standorten Büros oder Kontaktpersonen.

Das Gespräch führte Peter Hornung, NDR Info