Stand: 01.12.2015 08:00 Uhr

Schwanger - und zu Fuß durch sieben Länder

von Janine Artist

Es ist wuselig im Flur der Beratungsstelle des Vereins Familienbildung Wedel. Lauter junge Frauen mit Babys in Trageschalen oder auf dem Arm gehen in einen Raum, in dem immer montags das "Baby Café" stattfindet. Ein Treffpunkt für Mütter, die sich austauschen wollen - untereinander und mit Hebamme Kathrin Stege. Zusammen mit Sozialpädagogin Birte Zabel betreut Stege Frauen, die ein Kind erwarten oder gerade Mutter geworden sind und besondere Unterstützung brauchen. In letzter Zeit kommen auch immer mehr Flüchtlings-Familien in die Beratung.

Ämter stellen Kontakt her

Stege sitzt gerade im Büro und redet mit einer jungen Familie, die ihr ganz besonders ans Herz gewachsen ist: Somayeh und Jafar aus Afghanistan - mit ihrer kleinen Tochter Assenat. Der erste Kontakt mit der Familie kam - wie so häufig - über städtische Behörden zustande. "Dadurch, dass Somayeh noch minderjährig war, als sie hier angekommen ist, hat sie einen Vormund bekommen und das Jugendamt hat uns gebeten, mit zum Hausbesuch zu kommen", erzählt Birte Zabel, die an ihrem Schreibtisch sitzt.

Hochschwanger auf der Flucht

Das erste Zusammentreffen war vor rund einem Jahr. Vier Wochen nach der Geburt von Assenat, die jetzt fröhlich durch das Büro stapft und mit einem Holzpuzzle spielt. Zuvor war das Paar aus Afghanistan geflohen - größtenteils zu Fuß über den Iran, die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich bis nach Deutschland. Somayeh war auf der Flucht schwanger und wurde dann in einer völlig fremden Umgebung Mutter. Eine schwierige Situation, in der sie sich allein gefühlt hat: "Es war alles neu für mich: die Menschen, die Wohnung, die Sprache, die Religion - alles war anders", sagt Somayeh, die inzwischen fast 18 Jahre alt ist. Auch für ihren Mann Jafar war es nicht einfach. "Als wir Birte und Kathrin zum ersten Mal getroffen haben, hatte ich so viel Angst. Aber dann wurde es langsam, langsam normal", erinnert sich der 20-Jährige.  

Zwei Frauen, die sich prima ergänzen

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Vier Wochen nach Assenats Geburt hatten Somayeh und Jafar zum ersten Mal Besuch von Familienhebamme Kathrin Stege (Mitte).

Birte Zabel und Kathrin Stege haben den beiden geholfen, wo sie nur konnten. Sie sind ein eingespieltes Team. Die Sozialpädagogin hat sich vor allem um die Bürokratie gekümmert. Sie hat die jungen Eltern zu Ämtern begleitet, dafür gesorgt, dass Somayeh in Pinneberg zur Schule gehen und Deutsch lernen kann und dass Assenat einen Kita-Platz bekommt. Die Familienhebamme hat das Paar bei allem rund ums Baby unterstützt und noch weit darüber hinaus. Jafar zum Beispiel hat sie erfolgreich bei der Bewerbung für ein Praktikum geholfen. Ihr Tag habe Überlänge, stellt Kathrin Stege fest: "Er hat 48 Stunden. Und wenn der Tag nicht reicht, dann nehme ich die Nacht dazu. In meinem Beruf ist das so. Menschen haben schließlich keinen On-Off-Knopf."

Flüchtling will Flüchtlingen helfen

Jafar und Somayeh sind den beiden Frauen von der Familienhilfe Wedel sehr dankbar für die Starthilfe in ihr neues Leben. Der 20-Jährige will gerne eine Ausbildung machen und dann arbeiten. Er möchte für sich und seine Familie eine Zukunft in Deutschland aufbauen. Somayeh will etwas von dem, was sie an Unterstützung erfahren hat, weitergeben: "Ich würde gerne anderen Flüchtlingen helfen. Jetzt kann ich nur ein bisschen Deutsch, aber später könnte ich mich vielleicht als Dolmetscherin engagieren. Aber langsam, langsam", sagt sie und lacht.  

Spenden für Windeln, Babynahrung und Ausstattung

Somayeh, Jafar und Assenat sind eine Familie, die auf einem geradezu vorbildlichen Weg ist. Birte Zabel und Kathrin Stege haben aber auch problematischere Fälle. Große kulturelle Unterschiede erfordern immer wieder viel Fingerspitzengefühl und Kompromissbereitschaft. Trotzdem: Die beiden sind mit vollem Einsatz dabei – vor allem zum Wohl der Kinder. Um helfen zu können, benötigt der Verein Familienbildung Wedel Spenden. Denn das Projekt wird zwar vom Kreis Pinneberg finanziell gefördert, aber die Sachkosten wie zum Beispiel für Babybetten oder andere Ausstattung sowie für Windeln und Babynahrung werden dadurch nicht abgedeckt. Auch um Dolmetscher bezahlen zu können, braucht der Verein Geld.