Stand: 05.12.2017 14:50 Uhr

Hilfe für Kinder psychisch kranker Eltern

Die "Kidstime"-Workshops des Agaplesion-Diakonieklinikums in Rotenburg unterstützen Kinder psychisch kranker Eltern. Auch die 13-jährige Jessica nimmt die Hilfe von "Kidstime" in Anspruch. Ihre Mutter ist psychisch krank - sie hat schwere Depressionen. "Meistens war es so: Ich war in meinem Zimmer, sie kam in den Flur und hat geweint und hat sich im Bad eingeschlossen. Ich dachte immer: Habe ich was falsch gemacht? Ich habe sie gefragt, was passiert sei. Da hat sie gesagt: Nerv mich nicht." Stefanie Saager veränderte sich mit der Zeit immer mehr. Sie stumpfte ab, wie sie selbst sagt. Freundschaften vernachlässigte sie, auch das innige Verhältnis zu ihrer Tochter begann zu bröckeln: "Ich habe sie oft weggeschickt, wenn sie mit mir sprechen wollte - mir von der Schule oder andere Probleme erzählen wollte. Alles, was sie mir mitteilen wollte, das kam bei mir als Mutter gar nicht an."

Mehrere Menschen auf Stühlen während eines Workshops.

Workshops helfen Kindern psychisch kranker Eltern

Hallo Niedersachsen -

Millionen Kinder in Deutschland haben mindestens einen psychisch erkrankten Elternteil. Beim Projekt Kidstime in Rotenburg (Wümme) lernen sie, mit der Belastung umzugehen.

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Kinder bekommen einen Raum - und Zeit

Doch sie hat sich Hilfe gesucht. Für sich und für ihre Familie. Gerade, weil sie gemerkt hatte, dass sich ihre Tochter für die Krankheit verantwortlich gefühlt hatte. Ihre Therapeutin macht sie auch auf das Rotenburger Projekt "Kidstime" aufmerksam. Psychologe Klaus Henner Spierling leitet es: "'Kidstime' ist leicht zu übersetzen als 'Zeit für Kinder'. Das ist in den späten 90er-Jahren in London entwickelt worden. Es hieß zunächst: 'What shall we tell the children' - 'Was sollen wir den Kindern erzählen über psychische Erkrankungen?' Ein Kind sagte dann: 'Warum nennen wir das nicht Kidstime? Denn es geht ja um uns Kinder, um ihnen Zeit und einen Raum zu geben.'

Lernen, offen mit der Erkrankung umzugehen

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Mit Workshops unterstützt die Initiative "Kidstime" die Kinder depressiver Eltern.

Bei "Kidstime" wird gemeinsam gespielt, die Kinder drehen Filme über Themen wie beispielsweise Freundschaft. Es wird gemeinsam gegessen. Vor allem lernen alle, offen mit psychischen Erkrankungen umzugehen. Die werden bei uns aus der dunklen Ecke geholt, sagt Psychologe Spierling. "Kidstime" sei aber keine Therapie: "Die Kinder haben mit Risikofaktoren zu tun, aber die Kinder sind nicht behandlungsbedürftig. 'Kidstime' behandelt nichts, wir bemühen uns. Resilienzen zu erhöhen und stärken. Eine Therapie ist damit aber nicht gemeint."

Die Saagers sind von Anfang an bei "Kidstime" dabei. Eine Zeit, die sie nie missen möchte, sagt Mutter Stefanie: "Ich freue mich jedes Mal tierisch, die Leute zu sehen. Es hilft, wieder Freundschaften zu schließen, da steckt viel mehr dahinter, als man sieht. Das ist wirklich Wahnsinn." Auch Jessica ist wieder eine fröhliche 13-Jährige. Mit den alltäglichen Problemen, die Heranwachsende haben - ohne sich immer nur Sorgen um ihre Mutter zu machen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 05.12.2017 | 14:50 Uhr