Stand: 15.12.2016 15:58 Uhr

"Das Ehrenamt darf kein Lückenbüßer sein"

Die NDR Spendenaktion "Hand in Hand für Norddeutschland" geht zu Ende. Ihre Spenden kommen - wie in jedem Jahr - ohne jeglichen Abzug gemeinnützigen Zwecken zugute. In diesem Jahr dem norddeutschen Hospiz- und Palliativverband. Einer ihrer Gründungsväter in Deutschland ist Friedemann Nauck, Direktor der Klinik für Palliativmedizin an der Uniklinik Göttingen.

NDR Kultur: Herr Nauck, alle Mediziner - und damit auch die Palliativmediziner - haben den "Eid des Hippokrates" geschworen und sind somit verpflichtet, menschliches Leben zu schützen und zu erhalten. Nun beschäftigen Sie sich mit menschlichem Leben, das nicht mehr zu schützen, nicht mehr zu erhalten ist. Wie vereinbaren Sie das miteinander?

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Prof. Dr. Friedemann Nauck

Friedemann Nauck: Ich glaube, dass unser Eid dazu aufruft, das menschliche Leben immer zu schützen, auch in der Sterbephase. Aber die Frage des Erhaltens von Leben ist immer die Frage, ob wir damit vielleicht ein Sterben, was nicht aufhaltbar ist, verhindern und damit - und das wird uns Ärzten immer mal wieder vorgeworfen - eine Übertherapie am Lebensende durchführen. Menschen wissen, dass jeder von uns irgendwann sterben muss. Ich glaube, es ist der Verdienst der modernen Hospiz- und Palliativbewegung - nicht nur in Deutschland, sondern weltweit -, dass es Menschen gibt, die sich genau um diese Phase des Lebens und des Sterbens kümmern. Für uns, die wir in der hospizlich-palliativen Arbeit tätig sind, ist das natürlich immer wieder eine große Herausforderung, die bestmögliche Behandlung anzubieten.

Wie sieht die aus? Die menschliche Sterbebegleitung ist das eine, aber wie sieht die medizinische aus?

Nauck: Ich glaube, das muss "Hand in Hand" gehen. Ehrenamtliche, die am Bett eines schwerkranken, sterbenden Patienten sitzen, der sich vor Schmerz, vor Übelkeit, vor Luftnot krümmt, quält und Angst hat, können mit diesem Menschen nicht über Tod, Sterben, die letzte Lebensphase und vielleicht auch über die schönen Dinge des Lebens sprechen. Sondern wir in der Palliativmedizin versuchen, in einem multiprofessionellen Team aus Ärzten, Pflegenden, Sozialarbeitern, Physiotherapeuten, Seelsorgern, Psychologen und vielen anderen, den Menschen eine möglichst langfristige und gute Lebensqualität zu erhalten. Dazu gehört, Schmerzen zu lindern, Luftnot zu nehmen, Übelkeit und Erbrechen zu behandeln, Ängste offen anzusprechen, aber auch darüber zu sprechen, dass vielleicht das Sterben nahe ist und dass Unruhe und Angst auch dazugehört.

Seit Anfang des Monats sammelt der NDR mit seiner Spendenaktion "Hand in Hand für Norddeutschland" Geld, um Ihre Arbeit zu unterstützen. Wo wird dieses Geld Ihrer Meinung nach am dringendsten gebraucht?

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Nauck: Da hat natürlich jeder seine eigene Brille auf. Ich würde sagen, im Bereich der Palliativmedizin haben wir in Norddeutschland - zumindest in Niedersachsen - die Möglichkeit der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung und betreuen im ambulanten Bereich in Zusammenarbeit mit Hausärztinnen und Hausärzten sowie mit Pflegediensten Schwerkranke und Sterbende, deren explizites Ziel und deren Wunsch es ist, zu Hause sterben zu dürfen. Diese Gelder sind immer noch nicht ausreichend. Auch die Abrechnungen in den Krankenhäusern für Palliativstationen decken nicht die Kosten, weil wir mehr Personal brauchen. Im ambulanten Bereich haben wir zum Beispiel kaum Möglichkeiten, Psychologen, Psycho-Onkologen und Sozialarbeiter in diesen Teams zu etablieren. Im stationären Bereich brauchen die Patienten mehr Pflege als auf Allgemeinstationen. Und die sind nicht alle durch die Krankenkassen bis heute gedeckt, obwohl sich vieles in den letzten Jahren getan hat.

Viele dieser Lücken werden von Ehrenamtlichen geschlossen. Denen wird aber manchmal auch gesagt: Eigentlich seid ihr Lückenbüßer für Aufgaben, die der Staat übernehmen sollte. Wie sehen Sie das?

Nauck: Das wäre schlecht, wenn Ehrenamt Lückenbüßertätigkeit darstellen sollte. Ich sehe das Ehrenamt als eine unabdingbare Herausforderung und als Auftrag für die hospizlich-palliative Versorgung von Patienten und ihren Angehörigen, dass wir Hand in Hand, Hauptamt und Ehrenamt, arbeiten, dass das Ehrenamt aber nicht Krankenschwestern, Ärzte, Psychologen oder andere Therapeuten ersetzt. Sondern Ehrenamtliche kommen ohne wirkliche Absichten, außer, dass sie ihre Zeit geben - und das ist das größte Geschenk in der heutigen Zeit, dass Menschen da sind, die zuhören, die da sind, die vielleicht kleine Aufgaben übernehmen, mit dem Hund spazieren gehen, damit die Patientin in ihrer Wohnung verbleiben kann. Insofern ist Hauptamt auf der einen Seite notwendig, da müssen wir mehr dafür tun, dass insbesondere im Bereich der Krankenpflege bessere Bedingungen da sind, dass wir auch in Zukunft weiterhin Pflegekräfte gewinnen können. Aber das Ehrenamt darf kein Lückenbüßer sein und sollte sich auch nicht als Lückenbüßer sehen, sondern als ein unglaublich gewinnbringender Anteil in der hospizlich-palliativen Begleitung von schwerkranken und sterbenden Menschen, dadurch, dass sie da sind und zuhören können.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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