Stand: 11.05.2012 17:28 Uhr
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Ein Straßenkrimi ist nichts für zarte Gemüter
von Birgit Reichardt, NDR.de
Wer war der Täter?
Lautes Geschrei, heftiges Gerangel - die Gäste in der hannoverschen Innenstadtkneipe sind aufgeschreckt. Am Tisch in der Ecke belästigt ein Mann mit schwarzer Mütze eine Angestellte. Die wehrt sich, doch er gibt keine Ruhe - bis vier Frauen schließlich ihre Polizeimarken zücken und den Randalierer vor die Tür bitten. Widerwillig geht er mit und beantwortet mit provokanter Ironie die Fragen der Ermittler: Tina Kölling, Alexandra Seifert, Kristina Weber und Züli Post sind "Polizeischülerinnen" und in einem Mordfall unterwegs - zumindest laut Manuskript von Straßenkrimi - dem Mitmachkrimi.
Wer hat den Baulöwen getötet?
Bis zu sechs Personen können sich als Ermittler-Team anmelden. Manchmal sind mehrere Gruppen zeitversetzt unterwegs. Züli Post hat die Teilnahme am Krimi in den Straßen der niedersächsischen Landeshauptstadt von ihren Freundinnen zum Geburtstag geschenkt bekommen. Festes Schuhwerk soll Züli tragen - mehr hat man ihr offenbar nicht verraten. Das aber war ein wichtiger Hinweis, denn der Abend wird lang. Am ersten Treffpunkt weist "Polizeikommissar" Bernd Schneider, Mitarbeiter von Straßenkrimi, die "Soko Deisterhexen" in einen Fall ein: Ein Baulöwe wurde erschlagen in seinem Haus aufgefunden - war es Raubmord oder hatte der Tote Feinde? Das sind nur zwei von vielen Fragen, die das Ermittler-Team bis zum Ende des Abends beantworten muss.
Kommissarinnen-Attitüde will gelernt sein
Stadtplan, Diensthandy, Handschellen und ein paar dürftige Informationen. So versorgt macht sich die "Soko" auf den Weg. Das Team hat sich mit einer Beteiligten in dem mutmaßlichen Mordfall verabredet. Und die von einer Laiendarstellerin gespielte Frau wartet an der vereinbarten Stelle. Ist sie eine wichtige Zeugin oder sogar die Täterin? Das versuchen die Freundinnen durch geschicktes Fragen herausfinden. Während Kristina Weber schnell in ihrer Ermittlerinnen-Rolle aufgeht, sind die anderen drei aber noch weit entfernt von einer selbstbewussten Kommissarinnen-Attitüde à la Charlotte Lindholm aus der Tatort-Krimi-Reihe: "Wenn Ihnen noch etwas einfallen sollte, wäre es total lieb, wenn Sie uns anrufen würden", bittet Tina Kölling die Frau.
Männer packen härter an
Kaum haben die "Polizeischülerinnen" Station eins verlassen, haben sie auch schon die ersten Tatverdächtigen ausgemacht. So leicht ist der Fall aber nicht zu lösen, immerhin hat die "Soko Deisterhexen" an diesem Abend noch weitere Begegnungen. Könnte der grobe Typ aus der Kneipe ein Mörder sein? Die höflichen Ermittlerinnen flößten ihm allerdings keine erkennbare Angst ein. Frauen, die am Straßenkrimi teilnehmen, seien grundsätzlich zurückhaltender, verrät der Darsteller des Rüpels mit der schwarzen Mütze. Männer dagegen packten da schon viel härter zu und drückten einen auch schon mal an die Wand, lacht er.
Der Haftbefehl
Hochkonzentriert ermitteln die Damen weiter: Wer hatte welches Motiv und wie sieht der genaue Tathergang aus? Nur wenn sie auch diese Fragen beantworten können, haben sie den Fall gelöst. Nach zweieinhalb Stunden und weiteren Befragungen - es dämmert bereits in der Stadt - sind sich die "Deisterhexen" ganz sicher und vereinbaren einen Treffpunkt mit Polizeikommissar Schneider. Der verlangt einen genauen Bericht und der Haftbefehl muss korrekt ausgestellt werden. Dann aber geht es endlich zur mutmaßlich letzten Station - die Festnahme steht bevor.
Zugriff vor nichtsahnenden Passanten
Stockdunkel ist es mittlerweile, aber noch recht warm. Vor den Cafés genießen die Menschen kühle Getränke. Einen kühlen Kopf müssen jetzt Tina Kölling, Alexandra Seifert, Kristina Weber und Züli Post bewahren - in wenigen Sekunden wollen sie einem Mörder das Handwerk legen. Hochkonzentriert beobachten sie das Geschehen, plötzlich wird es laut: "Zugriff", rufen mehrere Frauen gleichzeitig. Die Augen der Café-Besucher werden schlagartig groß, die "Deisterhexen" rennen und - packen ihren Täter schließlich am Schlafittchen.
Straßenkrimi in sechs Städten
Die Aufregung hält noch einige Sekunden an. Für Außenstehende zunächst täuschend echt. Aber niemand muss sich Sorgen machen. Denn möchte man Bernd Schneider Glauben schenken, dann sind "die Städte, in denen die Ermittler von Straßenkrimi unterwegs sind, viel sicherer geworden." Dazu gehören neben Hannover immerhin Oldenburg, Braunschweig, Bremen, Nürnberg - und seit neuestem auch Hamburg.