Stand: 11.05.2012 10:26 Uhr
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Made in Germany Zwei: Der Aufbau beginnt
von Norbert Bourgeon, NDR 1 Niedersachsen
An drei Ausstellungsorten beginnt in Hannover am 17. Mai die Kunstausstellung "Made in Germany Zwei". Nach dem Erfolg der ersten Ausstellung 2007 werden zum zweiten Mal 40 junge Künstler einen Überblick über das gegenwärtige Kunstgeschehen in Deutschland präsentieren - 40 zum Teil eigenwillige Aussagen zu Tendenzen und Strömungen in der zeitgenössischen Kunst, die dann zeitgleich im Sprengel Museum, in der Kestnergesellschaft und im Kunstverein Hannover zu sehen sind. Doch bis zur Eröffnung müssen sich Künstler und Helfer noch mächtig ins Zeug legen.
Lautstarke Kommandos empfangen die Besucher des Kunstvereins Hannover. Eine rostige, verbogene Schiene schwebt durch das prachtvolle Treppenhaus des Künstlerhauses. Mit Helfern an Seilen und Flaschenzügen positioniert der Bremer Künstler Max Frisinger dort schwere Metallteile zwischen Stahlträgern, Treppengeländern und Metallplatten.
Verdreht, verbogen, aufgehängt
Die Inspiration kommt beim Aufbau - Frisinger will sich noch nicht auf Metall als einziges Material festlegen.
"Michelangelo in 3D - Sixtinische Kapelle ein wenig heruntergeschraubt" nennt Frisinger seine Arbeit etwas scherzhaft. Auch wenn er das Wort "prozessual" für seine Kunst nicht besonders mag, kann er nicht verleugnen, dass sein Werk erst bei der Installation entsteht. Das Material dazu hat er auf einem hannoverschen Schrottplatz gesammelt und mit Kran, 7,5-Tonner und sieben Helfern in den Kunstverein gebracht. Hier wird es verdreht, verbogen und schließlich aufgehängt. Ob er sich nur auf das Material Metall beschränken will, weiß der Bremer nicht. "Wenn da vorne eine Arbeit steht und ich laufe jeden Tag dran vorbei, dann beeinflusst mich das natürlich. Alles beeinflusst einen letztlich und dass ist auch richtig", sagt der Künstler.
"Durchbruch durch Schwäche"
Gleiches Material, andere Form - gleich nebenan ist Alicja Kwade gerade dabei, grüne Punkte auf den Boden zu kleben. Später befestigt sie genau dort 303 Uhrengewichte. Ein Teil wird in verschiedenen Höhen von der Decke hängen, ein Teil wird dann aber auch - weil durchgeschnitten - wie durch Fußboden oder Decke sickernd erscheinen. "Durchbruch durch Schwäche" nennt die Künstlerin die Installation, die bereits in einigen deutschen Ausstellungen zu sehen war.
Nichts bleibt dem Zufall überlassen
Wer nicht selbst vor Ort sein kann, wie Jorinde Voigt, muss sich darauf verlassen, dass der Kurator den Anweisungen folgt.
Nicht alle Künstler können persönlich zum Aufbau in Hannover erscheinen. Aufgrund eines privaten Termins musste die Frankfurterin Jorinde Voigt absagen. Jetzt kümmert sich ausnahmsweise Ute Stuffer um die Hängung der großformatigen Zeichnungen. Für die Kuratorin des Kunstvereins kein Problem: "Das funktioniert gut, die Bilder werden ja nicht zum ersten Mal gezeigt", sagt sie und fügt zögernd hinzu: "Und vermutlich auch, weil die Künstlerin vertrauen hat." Aber selbstverständlich bleibt bei einer Ausstellung dieser Größenordnung nichts dem Zufall überlassen und so finden sich im Arbeitszimmer der Kuratorin auch detaillierte Modelle und Skizzen aller Ausstellungsräume.
Sprengel Museum: Sisyphusarbeit in der Einblickshalle
Durch die riesigen Scheiben der Einblickshalle - so nennt das Sprengel Museum seine lichtdurchfluteten Flügel links des Eingangs - sind Palettenstapel, Werkzeugkoffer und Kreissägen gut zu sehen. Hier wird gearbeitet. Hier baut die Leipzigerin Suse Weber ihre "Tanzschule für eine Marionette" auf. Der schlichte Titel verschleiert das Ausmaß des Werks. Mehr als 600 Paletten haben Suse Webers Helfer zu einer Bühne geschichtet, auf der diese Marionetten zu sehen sein werden. Zwei Meter große, aus Holz, Aluminium und Pressspan zusammengesetzte Skulpturen. Beim Auspacken verrät Suse Weber, dass ihre Marionetten aus mehr als 1.000 Einzelteilen bestehen. Da wird allein der Zusammenbau zur Sisyphusarbeit. "Herzlich willkommen im Aquarium" fällt Suse Weber dazu ein, denn sie weiß, dass bis zum Ausstellungsbeginn noch die eine oder andere Nachtschicht in der Einblickshalle anfällt.
"Hidden Conference" in der Halle
Künstlerin Rosa Barbas nutzt für ihre Arbeit "Hidden Conference" einen umgebauten Kinoprojektor.
Im hinteren Trakt hat das Museum mehrere große Hallenräume für "Made in Germany II" freigegen. Noch ruht hier fast überall die Arbeit, bis zur Eröffnung aber wird sich noch einiges tun müssen. Nur in einem vom übrigen Raum abgeteilten Winkel hört man Stimmen. Ein Projektor rattert dazu. Im Beisein von Künstlerin Rosa Barbas entsteht hier "Hidden Conference". Ein umgebauter Kinoprojektor projiziert unscheinbare Bilder aus einem Museumsdepot auf eine Glaswand. Um Einzelheiten erkennen zu können, ist es allerdings viel zu hell. Aber noch arbeiten auch Techniker an der Anlage, die die Gegenstände aus dem Museumsdepot später einmal lebendig werden lassen will.
Kestnergesellschaft im Trockenbau
Baustellenatmosphäre dominiert dagegen in der Kestnergesellschaft. Dort lässt der hannoversche Künstler Dirk Dietrich Hennig mithilfe von Trockenbauplatten den Ausschnitt einer Heilanstalt entstehen. Fiktiv und dennoch mit geschichtlichem Hintergrund will er sich an psychiatrischen Episoden des Künstlers Jean-Guillaume Ferrée orientieren.
Künstler legen Nachtschicht ein
Noch befinden sich die beiden gegenüberliegenden Räume im Rohbau. Hennig montiert an den Zimmerdecken Neonlampen, während ein Helfer drei Meter lange Platten zurecht schneidet. "Türen, Fenster, Schränke - bis auf die Lampen alles ist selbst hergestellt", sagt Hennig. "Nichts soll die Besucher an ihnen bekannte Einrichtungsgegenstände erinnern." Doch er ist sich sicher, selbst wenn er nachts arbeiten muss, wird er sein Werk bis zur Eröffnung fertig gestellt haben. Dann endlich kann er seine Arbeitskleidung gegen eine ordentliche Jacke eintauschen.
Loop - die Endlosschleife
Alon Levins Turm wird in der Kestnergesellschaft ausgestellt.
Viel ruhiger ist es einen Raum weiter. Alon Levin hat dort seinen Aufbau beendet. Ein gut vier Meter hoher Turm aus Vierkanthölzern, der den physikalischen Gesetzen zu trotzen scheint. Gleich daneben die Arbeit der Berlinerin Susanne Winterling. Sie hängt gerade schwarze Stoffbahnen von der Hallendecke. In ihrem "Oktogon", einem achteckigen Zelt, will sie kurze Filme in Endlosschleifen zeigen. Ein Brummkreisel, bei Tag und Nacht gefilmt. Das Konzept ist klar, der "Oktogon" fast beendet. Nur über den Platz für die Leinwand muss Winterling noch nachdenken. Zwar braucht die Künstlerin die Dunkelheit, gleichzeitig möchte sie aber, dass Besucher auf den ersten Blick erkennen, dass innerhalb der Stoffbahnen bis zum Ende der Ausstellung ihr Film gezeigt wird.