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Stand: 11.05.2012 07:56 Uhr
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Kein Wort, nirgends?
von Korinna Hennig, NDR Info Kulturredaktion
Eine der häufigsten Vokabeln der Gegenwart ist das Wort "Krise". Die Folgen der Globalisierung, der Klimawandel, die Anarchie der Finanzmärkte: Weltweit nehmen Protestgruppen den Kapitalismus ins Visier - am medienwirksamsten die US-amerikanische "Occupy Wallstreet"-Bewegung und ihre europäischen Ableger. Doch wo bleiben in diesen gesellschaftlichen Debatten die "klassischen Intellektuellen"? Gibt es sie als Anwälte einer gesellschaftlicher Opposition überhaupt noch?
Einmischen oder raushalten?
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Schriftsteller Stéphane Hessel: "Die Bürger fragen sich: Ist es denn so richtig, könnte man nicht anders leben? Könnten wir uns nicht mehr verbünden gegen die Armut?"
Autor und Journalist Heribert Prantl: "Es gibt keine Ausbildung mehr, die einen Habermas, einen Adorno hervorbringt."
Sozialphilosoph Axel Honneth: "Man sollte das Engagement für Occupy nicht verwechseln mit dem Geschäft, das ich als Philosoph oder als Sozialforscher zu bewältigen habe."
Reimer Bustorff (2.v.r.) von der Band Kettcar: "Die klassischen Lieder der Punkbewegung funktionieren nicht mehr. Die Welt ist komplexer geworden, und wir reifer."
Musiker und Produzent Michy Reincke: "In einem wirtschaftlich-wettbewerbsmäßigen System ist kein Platz für Leute, die den Finger in die Wunde legen."
Musiker Heinz Rudolf Kunze: "Ich glaube, dass die Anlässe weniger geworden sind: Man wird seltener gefragt."
Schriftsteller Ingo Schulze: "Jüngere Autoren werden oft gar nicht mehr nach ihrer Meinung gefragt. Und viele haben schlechte Erfahrungen damit gemacht, sich explizit politisch zu äußern."
Schriftstellerin Juli Zeh: "Wie wollen wir denn nun sein: stark, schön und erfolgreich? Oder edel, hilfreich und gut?"
Schriftstellerin Juli Zeh: "Wie wollen wir denn nun sein: stark, schön und erfolgreich? Oder edel, hilfreich und gut?"
Eine lange Tradition
Emile Zola setzte sich mit "J'accuse" 1898 für den jüdischen Hauptmann Dreyfuss ein.
Adorno, Horkheimer, Marcuse mischten sich 1968 ein - auf den Spuren von Emile Zola, der vor über hundert Jahren die Rolle des kritischen Intellektuellen begründete. In den siebziger und achtziger Jahren folgten Jürgen Habermas und Walter Jens. Schriftsteller wie Günter Grass und Heinrich Böll wurden zu politischen Instanzen: Im Wahlkampf für Willy Brandt etwa oder im Kampf gegen die Methoden des aggressiven Boulevard-Journalismus.
Künstler im Wahlkampf werden immer seltener
Günter Grass ist vielleicht der letzte große Autor, der es mit seinen politischen Forderungen bis in die "Tagesschau" schafft.
Die heutige Autorengeneration ist dagegen vergleichsweise still. Ingo Schulze, einer der wenigen politisch aktiven Schriftsteller, meint: "Viele jüngere Autoren werden einfach gar nicht mehr nach ihrer Meinung gefragt. Andere haben Vorbehalte, weil die Themen ihnen zu komplex erscheinen. Oder sie haben schlechte Erfahrungen gemacht." Die Debatte um Günter Grass' Israel-Gedicht scheint das zu belegen: persönliche Angriffe nicht ausgeschlossen. Dabei sei es eigentlich Zeit für einen Aufschrei, meint Schulze: "Die Gewinne werden seltsamerweise immer privatisert und die Verluste sozialisiert."
Der klassische Polit-Sänger stirbt aus
Der Rückzug ins Private: Auch die Hamburger Band Tocotronic singt kaum über die Krise.
Auch aus der Musik scheint sich die Politik ins Private zurückgezogen zu haben. Nach dem Tod der überaus bissigen Liedermacher Franz Josef Degenhardt und Georg Kreisler tut sich eine Lücke auf: Die Jüngeren, wie die Popbands der "Hamburger Schule", schreiben vor allem über Seelenzustände und Befindlichkeiten - auch wenn viele aus ihrer politischen Meinung sonst keinen Hehl machen. Im strengen Wettbewerb ist für Angreifbares wenig Platz.
Verdrängt - aber nicht überflüssig
Wenn sich junge Künstler engagieren, dann eher gezielt und überschaubar - bei Benefizkonzerten, für einzelne Hilfsprojekte. Hilfe im Klingeltonformat. Die Rolle des kritischen Intellektuellen haben Nichtregierungsorganisationen übernommen, oder große Bewegungen, die sich in die Maske des "Anonymous" kleiden. Die Rolle des Mahners, des Bänkelsängers und Philosophen wäre daneben allerdings immer noch frei.