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Der 11. Mai 2012 - Ein Stück Geschichte

Der 11. Mai 2012 war ein ganz besonderer Tag, es war der Drehtag für das Medienereignis des Jahres: Der Tag der Norddeutschen.

Wir haben für Sie deshalb die wichtigsten Meldungen des Tages archiviert - diese Seite ist ein Teil des Angebots.

Überblick
Der 11. Mai 2012 © dpa Fotograf: Jochen Lübke, Malte Christians, Holger Hollermann
 

Was war los am 11. Mai 2012?

Es war der Drehtag für der Tag der Norddeutschen. Was hat die Menschen an diesem Tag interessiert und bewegt? Die Nachrichten und Themen im Überblick. mehr

 

"Eltern opfern die Kindheit ihrer Kinder"

Prof. Dr. Peter Struck ist Erziehungwissenschaftler in Hamburg. Er arbeitete zehn Jahre lang als Volks- und Realschullehrer und war anschließend Schulgestalter in der Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung in Hamburg. Seit 1979 lehrt er Erziehungwissenschaften an der Universität Hamburg. Peter Struck hat zahlreiche Bücher zum Thema Schule verfasst, hält Vorträge über Bildungspolitik und schreibt für mehrere Zeitungen. NDR.de wollte von ihm wissen, ob das "Turbo-Abitur" wirklich so schlimm ist.

NDR.de: Alle klagen über das Abitur nach zwölf Jahren. Wer wollte es eigentlich?

Der Hamburger Erziehungswissenschafter Prof. Dr. Peter Struck © Peter Struck Detailansicht des Bildes Prof. Dr. Peter Struck: "Intelligente Kinder lernen langsamer." Peter Struck: Es wurde eingeführt, weil die deutschen Abiturienten im internationalen Vergleich zu alt waren und damit auch die Studenten - nach dem Motto "vom akademischen Abschluss in die Frührente". Das wollte man aufbrechen. Aber gleichzeitig hat man es bei den dicksten Lehrplänen der Welt belassen, die hat Deutschland nämlich. Das ist für die Lehrer nicht zu schaffen und für die Kinder erst recht nicht.

NDR.de: Manche Eltern sagen, das "Turbo-Abitur" zerstöre die Kindheit ihrer Kinder. Finden Sie solche Aussagen übertrieben?

Peter Struck: Eltern haben die Wahl, ob sie ihren Kindern mehr Zeit Richtung Abitur gönnen. Die meisten Bundesländer bieten Gesamtschulen, Gemeinschaftsschulen oder Stadtteilschulen an, die nach 13 Jahren zum Abitur führen. Ein Problem ist die in Deutschland extrem kurze Grundschule. Üblich sind international sechs, acht oder wie in Kanada sogar zwölf Jahre. Bei uns werden die Eltern schon in Klasse 2 unruhig. Es gibt ganz viele Eltern, die tatsächlich für eine ungewisse Karriere ihrer Kinder deren Kindheit opfern. Die fragen schon in der 1. Klasse einmal wöchentlich die Lehrerin, ob es auch was wird mit dem Abitur oder wieso die Parallelklasse im Mathebuch schon eine halbe Seite weiter ist. Denen ist es recht, das Abitur nach zwölf Jahren zu machen.

NDR.de: Die meisten Lehrer lehnen die verkürzte Schulzeit ab. Sie klagen, dass die Schüler bei G8 in der Oberstufe jünger und geistig unreifer sind. Teilen Sie diese Meinung?

Peter Struck: Bezogen auf die bisherige Art des Unterrichtens haben diese Lehrer recht. Die Schüler heute können nicht mehr zuhören. Sie lernen nicht mehr, wenn sie belehrt werden, da sind sie völlig unreif. Das betrifft die Jungen stärker als die Mädchen. Aber insgesamt haben die Lehrer überhaupt nicht recht. Dank der multimedial vernetzten Kinderzimmer sind Kinder heute neugieriger, kreativer, kommunikativer und eher in der Lage, über Um- und Irrwege aus kritischen Situationen heraus zu finden. Sie lernen sehr gut, wenn sie voneinander lernen. Wenn sie durch viele Materialien, durch Handeln, Ausprobieren und durch Fehlermachen lernen dürfen. Schulen, die moderne Lehrmethoden nutzen, haben überhaupt keine Probleme mit den Kindern. Die sind sehr selbstständig und sehr selbstbewusst.

NDR.de: Was raten Sie Eltern?

Peter Struck: Viele Eltern verstehen nicht, dass intelligente Kinder langsamer lernen. Das haben Hirnforscher herausgefunden. Die brauchen mehr Zeit zum Lernen, weil sie ständig Assoziationen haben und länger drüber nachdenken. Und das schaffen sie nicht mit diesem mörderischen Abitur G8. Die Vorverlegung des Abiturs führt also dazu, dass vor allem die intelligenten und hochbegabten Kinder scheitern. Zu denen übrigens auch die ADHS-Kinder gehören.

Die Lage wird sich aber in einigen Jahren entspannen. Die Kultusministerkonferenz hat ein Institut gegründet, das daran arbeitet, die Lehrpläne vom Übermaß an Wissensanteilen zu entrümpeln. Künftig geht es weniger um Wissen als um Können. 2015 soll die Arbeit abgeschlossen sein. Dann haben wir bundesweit einheitliche Lehrpläne und es ist nicht mehr so viel Wissensdruck da.

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Die Homepage der mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichneten Max-Brauer-Schule in Hamburg.

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