Veranstaltungsreihe zum 17. Juni 1953
Die Stasi-Unterlagen-Behörde begeht das Jubiläum mit einer Veranstaltungsreihe.
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Auch in Mecklenburg-Vorpommern regte sich der Widerstand, es gab Demonstrationen und Festnahmen.
Der 17. Juni 1953 ist als zentraler Tag des Volksaufstands in der DDR in die Geschichtsbücher eingegangen. Der Anlass: Das SED-Regime lässt als Reaktion auf die schlechte Wirtschaftslage die Arbeitsnormen heraufsetzen – für das gleiche Geld sollen die Menschen mehr arbeiten. Der Zorn über Misswirtschaft und Arroganz der Herrschenden erfasst die ganze DDR, so auch das heutige Mecklenburg-Vorpommern. Bereits am 16. Juni kommt es in Muchow im Kreis Ludwigslust zu einer Demonstration von Bauern gegen die Regierung.
Die Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei in Schwerin erreicht eine Nachricht: "11 Uhr 10 Anruf des Operativstabes Güstrow. In der Domstraße in Güstrow vor dem Gericht haben sich ca. 400 Personen vorwiegend Frauen versammelt [...] Die Angehörigen der Möbelfabrik Bruchhäuser haben die Arbeit niedergelegt."
In einem Bericht des Volkspolizeiamtes Hagenow ist zu lesen: "Morgens gegen 7:00 Uhr des 17. 6. 1953 wurde in der Elbewerft Boizenburg festgestellt, daß dort einige Arbeiter, die durch den demokratischen Rundfunk den Beschluß des Zentralkomitees über die Heraufsetzung der Normen gehört hatten, zu diesen Fragen Stellung nahmen. Hier schälte sich insbesondere eine Gruppe von 25 Mann heraus, die den RIAS bzw. den Nordwestdeutschen Rundfunk gehört hatten und die Argumentation dieses Hetzsenders in die Reihen der Arbeiter trugen.“
In zahlreichen Betrieben in den drei Nordbezirken streiken Arbeiter, Bauern erklären ihren Austritt aus der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft. In Teterow versammeln sich an diesem 17. Juni 1953 Hunderte und fordern die Freilassung der politischen Gefangenen, einige Häftlinge kommen tatsächlich frei. Sowjetische Soldaten greifen in Teterow ein, ebenso wie am Abend bei einer Demonstration auf dem Marktplatz in Grabow. Dort werden freie Wahlen gefordert. Der sowjetische Militärkommandant verhängt an diesem Abend vielerorts den Ausnahmezustand, es herrscht striktes Versammlungsverbot, von 22 Uhr abends bis 6 Uhr morgens Ausgangssperre.
Sybille Kempf aus Altentreptow erzählt die Geschichte ihrer Tante, die 1952 in einem Neubrandenburger Konsum arbeitete und wegen "staatszersetzender Hetze" verhaftet wurde.
Am 18. Juni dann Streiks auf den Werften in Wismar, Warnemünde, Rostock, Stralsund. Die Arbeiter fordern unter anderem Halbmastbeflaggung für die Toten in Berlin, die Herabsetzung der Norm und den Rücktritt der Regierung. Sowjetische Soldaten in Panzern verhindern, dass sich die Neptun-Arbeiter mit den Kollegen der Warnow-Werft zu einer Demonstration außerhalb der Werften vereinigen. Schüsse fallen. Die Gesamtzahl der Streikenden in Stralsund wird auf 2.200 Menschen beziffert, in vielen anderen Betrieben im Norden wird die Arbeit ebenfalls niedergelegt, in Gaststätten und Schulen werden die Bilder der SED-Funktionäre von der Wand genommen.
Die Staatsführung ist mit den angeblichen Rädelsführern des Aufstandes nicht zimperlich. Sie werden verhaftet und zu Gefängnis- und Zuchthausstrafen verurteilt. Ende Juni 1953 meldet die Bezirksverwaltung der Staatssicherheit an Staatssekretär Erich Mielke nach Berlin, im Bezirk Rostock seien insgesamt 81 Menschen verhaftet worden. Die Bezirksbehörde der Volkspolizei Neubrandenburg spricht von 60 Festnahmen. In Boddin beispielsweise wird noch ein Jahr später ein 17-jähirger Brigademechaniker verhaftet und zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Er hatte am 13. Juni 1954 in einem Gespräch geäußert, die DDR-Regierung sei zu schwach, sonst hätten am 17. Juni keine Panzer auffahren müssen. Tatsächlich blieb der 17. Juni 1953 ein Trauma für die Machthaber. Der so genannte Tag X - für die Staatssicherheit ist er Jahr für Jahr ein Tag der Alarmbereitschaft. Bis 1989 werden am 17. Juni die Akteure von 1953 nach einem Maßnahmeplan überwacht, die deutsch-deutschen Grenzübergänge verschärft kontrolliert.
Wo in Mecklenburg-Vorpommern was wann geschah, erfahren Sie in der Übersichtskarte:
Vier Jahre nach Gründung der DDR ist die wirtschaftliche Lage dort schlecht. Um die Versorgung zu verbessern, beschließt das SED-Regime, die Arbeitsnormen zu erhöhen. Für die Arbeiter bedeutet das: mehr Arbeit bei gleichem Lohn. Nach ersten Protesten am 16. Juni bricht einen Tag später ein Volksaufstand aus, der die gesamte DDR ergreift. Die Forderungen der Demonstranten gehen bald weit über die Zurücknahme der Arbeitsnormen hinaus: Sie verlangen unter anderem freie Wahlen, den Rücktritt der SED-Regierung, den Abzug der Sowjet-Truppen und die Wiedervereinigung.
SED-Führung und sowjetische Besatzungsmacht reagieren mit aller Härte: Panzer rollen auf, der Aufstand wird blutig niedergeschlagen. Etwa 120 Menschen sterben, mehrere Hundert werden verletzt, rund 6.000 werden verhaftet. Genaue Zahlen sind bis heute nicht bekannt.
Während die DDR-Führung den Volksaufstand vom 17. Juni zu einem "kontrarevolutionären Putsch" umdeutet, wird er in der westlichen Welt zum Symbol für den Freiheitswillen der DDR-Bevölkerung. Von 1954 bis zur Wiedervereinigung 1990 wird der 17. Juni als "Tag der deutschen Einheit" begangen.