Kriegsende auf Rügen
Zeitzeuge Jürgen Alwert erinnert sich an das Kriegsende auf Rügen. mehr
Hintergrund
Acht aneinandergereihte Häuserblöcke bieten einen imposanten Anblick.
Viereinhalb Kilometer misst das längste Bauwerk der Nationalsozialisten. Auf der Insel Rügen legte die NS-Organisation Kraft durch Freude (KdF) am 2. Mai 1936 den Grundstein für die Ferienanlage Prora, die aus acht aneinandergereihten baugleichen Häuserblocks besteht. Dabei handelt es sich um eines der wenigen Monumentalprojekte der Nationalsozialisten, das zumindest zum Teil verwirklicht worden ist. Die vorrangig vom Architekten Clemens Klotz entworfene Anlage zwischen den Orten Binz und Sassnitz dokumentiert eindrucksvoll den Größenwahn der Hitler-Zeit. Der Gesamtentwurf wurde auf der Weltausstellung in Paris 1937 sogar mit dem Grand Prix ausgezeichnet.
In Prora sollte sich der deutsche Arbeiter zu günstigen Preisen erholen und neue Kraft tanken. Der "Koloss von Rügen", nur 150 Meter vom Strand entfernt, war für 20.000 Menschen konzipiert. Jeder der acht Blöcke - ursprünglich waren sogar neun geplant - ist 550 Meter lang und verfügt über sechs Stockwerke. 10.000 Zimmer sollten am Ende fertiggestellt sein. Die geplante Ausstattung der nur 2,5 mal 5 Meter großen Zimmer war - gemessen an heutigen Maßstäben - sehr einfach gehalten: zwei Betten, eine Sitzecke, ein Schrank und ein Waschbecken. Sanitäre Einrichtungen befanden sich in den Treppenhäusern der Blocks. Aufgrund der langgezogenen Bauweise sollte jedes Zimmer Meerblick bekommen.
Der Zweite Weltkrieg verhinderte allerdings eine Nutzung Proras als Ferienanlage. 1939 war lediglich der Rohbau fertig, nicht jedoch die Schwimmbäder, die große Festhalle und die meisten Wirtschaftsgebäude. Geplant waren auch ein Aufmarschplatz und Kaianlagen, die ein Anlegen von Seebäderschiffen ermöglichen sollten. Die Nazis stoppten die Bauarbeiten zu Kriegsbeginn. Sie nutzten Prora als Ausbildungsstätte für Luftwaffenhelferinnen und ein Polizeibataillon. 1943 wurden Teile der südlichen Blocks ausgebaut, um Ersatzquartiere für ausgebombte Hamburger zu schaffen. Von 1944 an diente die Anlage der Wehrmacht als Lazarett. Gegen Ende des Krieges fanden dort auch Flüchtlinge aus den früheren Ostgebieten eine Bleibe.
1945 sprengte die Rote Armee Teile des Nordflügels, die jedoch lediglich schwer beschädigt, nicht aber zerstört wurden. Etwa 2,5 Kilometer Gebäude sind noch nutzbar, die restlichen zwei Kilometer Ruine. Bis heute ist die NS-Hinterlassenschaft an einem der schönsten Strände von Rügen zu sehen.
Zu DDR-Zeiten dienten Teile des Gebäudes als Kaserne der NVA.
Nachdem die Sowjetunion im Mai 1945 die Kontrolle über Rügen übernommen hatte, wurde die Anlage zur Internierung von Grundbesitzern und weiterhin zur Unterbringung von Heimatvertriebenen aus den ehemaligen Ostgebieten genutzt. Teile der Anlagen wurden für den Abtransport als Kriegsreparationen demontiert. Zwischen 1948 und 1953 nutzte die Rote Armee die Bauten.
Später zog die Nationale Volksarmee (NVA) der DDR in die Anlage. Das umliegende Areal wurde über Jahrzehnte zum Sperrgebiet. Bis zu 10.000 NVA-Soldaten wurden in Prora stationiert. In den 1980er-Jahren waren zudem bis zu 500 Bausoldaten zeitgleich dort untergebracht. Sie arbeiteten am Bau des Fährhafens Mukran. Der südlichste Teil der Anlage stand Angehörigen von NVA und Grenztruppen als Erholungsheim, Kinderferienlager und Ferienort zur Verfügung.
Nach der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 übernahm die Bundeswehr die Anlage, stellte die Nutzung Ende 1992 aber ein und verließ Prora. Seit Anfang 1993 ist das Gelände öffentlich zugänglich. 1994 wurde Prora unter Denkmalschutz gestellt.
Die Anlage wurde und wird seither unterschiedlich genutzt. Nach und nach wurden einzelne Gebäudeblöcke verkauft, zuletzt der Block I Ende März 2012. Ein Investor zahlte dafür bei einer Versteigerung 2,75 Millionen Euro. Privatleute ergriffen 1994 die Initiative und gründeten die Museumsmeile Prora, die neben Museen auch Cafés, Galerien und Ausstellungen umfasste. Noch heute können sich Interessierte in verschiedenen Ausstellungen über die DDR informieren. Außerdem ist in den Gebäuden unter anderem das Dokumentationszentrum Prora untergebracht.
Im Jahr 2003 fand das Jugendtreffen "Prora03" auf Rügen statt. Damals kamen rund 15.000 Jugendliche. Es entstand die Idee, die Ruine in eine Jugendherberge umzubauen. Die Pläne sind inzwischen Realität geworden: Am 4. Juli 2011 wurde die Herberge mit 100 Zimmern und 400 Betten am Nordende der Prora-Bauten in Block V eröffnet. Ein internationaler Jugendzeltplatz mit 250 Plätzen besteht bereits seit September 2007. "Prora kann ein 'Hotspot' im Jugendtourismus werden", sagt der Geschäftsführer des Landes-Tourismusverbands, Bernd Fischer. Allerdings bremse das Gesamtimage Mecklenburg-Vorpommerns noch ein schnelles Erreichen der Ziele. "In den Köpfen der Jugendlichen sind wir nicht die Jungdynamischen, die Abenteuerlichen, die Fitten."